Über seine Ähnlichkeit mit Hitler hatte Charles Chaplin viele Witze und Anspielungen hören müssen, bevor er 1939 Rache nahm „an dem Kerl, der mir den Schnurrbart abgeguckt hat“. Wenn er gewußt hätte, schreibt er später in seiner Autobiographie, was in den deutschen KZs geschah, hätte er den Film nicht machen können.

In seinem Gesamtwerk ist „Der große Diktator“ ein Grenzpunkt, nicht zufällig tritt Chaplin in drei verschiedenen Rollen auf. Da ist zuerst Hynkel, der psychopathische, guttural bramarbasierende Diktator: Chaplins erster konsequenter Abschied von dem zwanzig Jahre lang durchgehaltenen Mythos des Tramps mit Melone, Stöckchen, Schlabberhose und Latschen, zugleich Wiederkehr und logische Fortentwicklung des egoistischen, aggressiven, selbstherrlichen Charly aus den frühen Kurzfilmen mit seiner Moral vom Treten und Getretenwerden, vom erbarmungslosen Kampf ums Überleben und um den Weg nach oben.

Da ist zweitens der kleine Friseur aus dem Getto, Quintessenz des guten, liebenswürdigen, unschuldigen Charly aus „Goldrausch“, „Circus“, „Lichter der Großstadt“ und „Moderne Zeiten“, noch immer fast kindlich-rührend, undenkbar in erotischen, geschweige sexuellen Szenen, im Verlauf der Langfilme aber zusehends realer, „menschlicher“, auch kleinbürgerlicher geworden, während sich seine Umgebung immer stärker zur idyllischen Gartenlaube verharmloste, bis hin zu dem peinlich versüßlichten Getto.

Schließlich, drittens, der merkwürdige Bruch in der berühmten pathetischen Schlußansprache, wo aus der Maske von Charly dem Tramp das Gesicht des fünfzigjährigen Charles Spencer Chaplin hervortritt: endgültige Versöhnung mit dem Tonfilm, für den Chaplin in „Moderne Zeiten“, „Lichter der Großstadt“ und noch in Hynkels teutonischem Krakeelen („Blitzkrieg fratsch kratsch!“) nur Hohn und Spott kannte, uneingeschränktes Bekenntnis zur künftigen Privatperson statt zur tradierten Kunstfigur und die Ankündigung der redseligen späten Filme, mit denen sich noch heute die Kritik so schwertut.

Der Neustart ist gut terminiert, Hitler ist „in“; Alec Guinness und Gunnar Möller werkeln an der Rolle, Jerry Lewis („Wo bitte geht’s zur Front?“) und Fritz Dietz (in Jurij Oserows „Schlacht um Berlin“) sind gerade durch, weitere Filme und Fernsehserien über Hitler und das Dritte Reich werden vor allem in England produziert. An Chaplin werden sie alle nicht vorbeikommen: Mit seinen komischen, verzweifelten, prophetischen Einsichten, seiner Mischung aus politischer Analyse, Satire, Slapstick und Rührstück bleibt er noch immer der größte Diktator.

Wolf Donner