Englands Premier Edward Heath hatte nur wenig vom Bonner Karneval, als er vergangene Woche seinen seit längerem geplanten Bonn-Besuch beim Bundeskanzler abstattete. Die Bonner Karnevalisten hatten den Briten – schon karnevalistisch verplant und ihm rheinische Frohsinn-Prinzessinnen zum Bützen (Küssen), auserwählt. Doch während sich Bonn für Weiberfastnacht und Heath-Protokoll rüstete, blieb auch die Spekulation nicht untätig. Statt zu feiern, mußten, sich die Bonner Politiker und Frankfurter Bundesbanker der einströmenden Dollarflut erwehren.

Auch Heath hatte sich seinen Besuch anders, vorgestellt: Gespräche über Belangloses und Besichtigung des verschneiten süddeutschen Barocks waren vorgesehen. Erst wenige Stunden vor seinem Abflug aus London entschloß er sich dann, einen Währungsexperten in seine Reisebegleitung aufzunehmen: Staatssekretär Derek Mitchell vom Schatzkanzleramt. Diesmal hatte Mitchell mehr Glück als vor drei Wochen. Bei der vorletzten Krise war der Brite nach Bonn entsandt worden, um dort nachzuforschen, was denn die Bonner Währungsexperten so dächten. Helmut Schmidt und sein Staatssekretär Karl Otto Pohl waren aber gerade auf dem Weg nach Paris, als Mitchell durch die Flure des Finanzministeriums irrte. Da man mit ihm nichts Rechtes anzufangen wußte, nahm Pöhl seinen Kollegen Mitchell kurzerhand mit nach Paris.

* Die Krise versauerte auch den rheinischen Narren die gute Laune – zumindest jenen, die we gen der Währung im Finanz- und Wirtschaft ministerium am Ball bleiben mußten. Die engsten Mitarbeiter des Ministers und der Staatssekretäre, sowie das Personal der Geldabteilung und des Pressereferates mußten Abstinenz üben. Wirtschaftsminister Hans Friderichs ließ es sich jedoch trotz politischer Hochspannung nicht nehmen, am Abend der Weiberfastnacht ins Bonner ZDF-Studio zum Tanzen zu gehen. Dort traf er seinen Vorgänger Karl Schiller, der mit Frau Etta erstmals seit langer Zeit wieder Bonner Parkett betrat. Während Schillers Widersacher Helmut Schmidt zur Nachbehandlung im Bundeswehrhospital weilte, fanden Friderichs und Schiller am Rande des Tanzparketts Gelegenheit, die neuen deutschen Geldsorgen Revue passieren zu lassen. Kompetent waren aber weder der neue noch der alte Wirtschaftsminister. Seit dem Regierungswechsel liegt die währungspolitische Verantwortung beim Finanzminister.

Derweil war Staatssekretär Karl Otto Pöhl – zum Skilaufen in die Alpen entflohen – schon wieder auf dem Weg zurück in die Krisenhauptstadt Bonn. Helmut Schmidt drängte in Koblenz die Ärzte zur Eile, so daß der Ausflug nach Bonn und Brüssel möglich wurde. So konnte Friderichs seinem Kollegen Schmidt nicht einmal vertretungsweise den Auftritt stehlen – eine Schau war sowieso nicht zu erwarten.

Auf der Brüsseler Ministerratssitzung vom 4. März hungerte Bundesfinanzminister Helmut Schmidt dann auch die Journalisten buchstäblich aus. Franzosen, Italiener, Briten, Dänen, Holländer und Belgier gaben sich alle Mühe, ihren Journalisten durch die Pressesprecher in regelmäßigen Abständen Informationen über den Konferenzverlauf zukommen zu lassen. Helmut Schmidt jedoch schonte seinen Pressesprecher Wilfried Koschorreck und überließ es Briten und Italienern, die Presse über die deutschen Argumente aufzuklären.

Es machten sogar Gerüchte die Runde, nach denen der Minister seinen Staatssekretär Karl Otto Pöhl wegen dessen Pressefreundlichkeit schon in Bonn hart zurechtgewiesen hatte. Als endlich zu später Nachtstunde doch noch ein deutsches Pressegespräch angesetzt wurde, fand sich nur ein kleines Fähnlein Aufrechter ein. Der Rest hatte beschlossen, aus Protest fernzubleiben. Die unverbesserlichen Optimisten hatten angenommen, Helmut Schmidt selbst würde – wie früher Karl Schiller – die Presse unterrichten. Es war aber Staatssekretär Otto Schlecht vom Bundeswirtschaftsministerium, der in die Bresche gesprungen war.

Wenn es um die Einheit der Nation, zugleich aber auch ums Geld geht, dann reden CDU/CSU und SPD mit gespaltener Zunge. Wegen der ursprünglichen Absicht der Bundesregierung, die Visagebühren für westdeutsche Reisende in die DDR und nach Berlin nicht mehr aus der Staatskasse zu ersetzen, war es im Bundestag zu einer heftigen Kontroverse gekommen. Die CDU und ihr Wortführer in der Debatte, Gerhard Reddemann, empfanden die inzwischen wieder aufgegebenen Pläne als eine weitere Erschwerung im innerdeutschen Reiseverkehr – diesmal von Bonn inszeniert. Karl Herold, Staatssekretär im Bundeskanzleramt, plädierte dagegen dafür, daß man im Interesse des Zusammenhalts der Nation vom Bürger auch einmal ein „materielles Opfer“ verlangen könne.