Kartenspiele in der Partei Versammlung–Die „neuen“ Menschen benehmen sich auch nach der Kulturrevolution noch wie die alten

Keiner der Besucher, die von einer Reise in den Sozialismus zurückkehren“, schrieb kürzlich Hans Magnus Enzensberger, „ist realiter Teil des Prozesses, den er zu beschreiben versucht... Je weniger er dies begreift, desto größer und berechtigter ist die Feindseligkeit, die dem Reisenden in Sachen Sozialismus von vornherein begegnet, und zwar auf beiden Seiten“ (Kursbuch 30). Gegenüber dem Autor jenes neuen China-Berichtes, der in drei Wochen auf den deutschen Markt kommt, wäre solche Feindseligkeit indes unberechtigt:

Ross Terrill: „800 Millionen – China ganz nah“; aus dem Englischen von Hans Fahrbach; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg (21. März) 1973; etwa 280 Seiten und 16 Abbildungen, 24,– DM.

Denn Terrill, Mitglied der australischen Labour Party und Dozent an der Harvard-Universität, ist sich seiner Betrachterrolle genau bewußt: „Es gibt wirklich ‚zwei Chinas’: Nicht ‚Taiwan‘ und das ‚Festland‘, sondern vielmehr die Vorstellung, die wir von China haben und die Realität Chinas. Ich nehme an, jeder Mensch hat sein China, wie er seinen Rousseau hat. Ein Besuch kann nicht viel dazu beitragen, Subjektives durch Objektives zu ersetzen. Aber das Subjektive hat seine eigene Wertskala.“ So bezieht Terrill jeweils seine eigenen (westlichen) Wertbegriffe ein, mit der Folge, daß sein Besuch in China zu einer „ununterbrochenen geistigen Auseinandersetzung“ wird. Das Ergebnis: Ein höchst informativer, anregender Bericht.

„Was vergangen, ist vergangen“

Als Begleiter des damaligen Oppositionsführers und jetzigen australischen Ministerpräsidenten Whitlam hat Terrill im Sommer 1971 vierzig Tage lang China besucht. Da er bereits 1964 einmal dort gewesen war, konnte er das China vor und nach der Kulturrevolution miteinander vergleichen: „Die Veränderung von 1971 könnte sich für die Art, wie die Menschen China betrachten, als Wasserscheide erweisen. Was wir von China halten, wird ein bißchen weniger wichtig, und was China von uns hält, wird ein bißchen wichtiger werden. Diese Entwicklung vollzieht sich in feinen Abstufungen, im ganzen handel: es sich jedoch um eine wesentlich historische Mutation. Die Chinesen beginnen, uns einige Fragen zu stellen. Zweifellos werden diese ebenso seltsam sein wie manche unserer Fragen über China.“

Während der China-Bericht Joachim Schickel; aus dem Jahr 1971 nicht viel mehr war als das Produkt eines „Revolutions-Touristen“, eines verträumten Linksintellektuellen und Klaus Mehnerts Bestseller lediglich eine anschauliche Momentaufnahme der politischen Landschaft Chinas „nach dem Sturm“ darstellte, handelt es sich bei diesem Buch um ein mit ungemeiner Akribie zusammengestelltes Mosaik von Beobachtungen, Argumenten, Analysen und Urteilen: Dieser Bericht muß ebenso genau und gewissenhaft gelesen werden, wie er geschrieben ist.