Von Dietrich Strothmann

Auch dieser Wahnsinn hat Methode: das Morden der Terrortruppe vom „Schwarzen September“, jenes kleinen, aber gewalttätigen Guerilla-Kerns unter den palästinensischen „Befreiungsorganisationen“. Auf sein Konto gehen der tödliche Anschlag gegen den jordanischen Ministerpräsidenten Wasfi Teil, Bombenattentate in Triest und in den Niederlanden, das Massaker von München, der Überfall auf Israels Botschaft in Bangkok und nun der Diplomatenmord in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Und die Blutspur des „Schwarzen September“, so steht zu fürchten, ist noch nicht zu Ende. Mord wird ein Mittel dieser Desperados bleiben, die für sich in Anspruch nehmen, alles verloren zu haben, Haus und Heimat, und die es durch Gewalt zurückzugewinnen trachten.

Wohin aber führt ihr Terror, der vor nichts zurückschreckt? Zur „Befreiung“ Palästinas etwa, was gleichbedeutend wäre mit der Zerstörung Israels? Sie behaupten es – und geben doch nur den „Falken“ in Jerusalem recht, die eher Sicherheit fordern als Frieden. Oder glauben sie, die verhandlungswilligen Araber und die zur Vermittlung bereiten Amerikaner auf ihre widersinnige Weise zur Räson bringen zu können? Wenn sie, wie diesmal in Khartum, zwei amerikanische Diplomaten, die Gäste des saudi-arabischen Botschafters waren, meuchlings morden, erregen sie den Widerwillen selbst ihrer Verbündeten und Geldgeber. Sudans Präsident Numeiri hat sie nach diesem schwarzen Freitag in Acht und Bann getan.

Erreicht hat der „Schwarze September“ diesmal nur, daß heute niemand mehr von dem Abschuß der libyschen Verkehrsmaschine über dem Sinai spricht. Daß König Feisal von Saudi-Arabien daran denkt, den Palästina-Partisanen den Geldhahn zuzudrehen. Und daß die Vorfriedensgespräche für den ersten Schritt zu einer Lösung des Nahost-Konflikts unter amerikanischer Vermittlung dennoch fortgesetzt werden.

Gewalt zahlt sich nicht länger aus, auch im Nahen Osten nicht. Sie stößt nur auf weltweite Abscheu und fordert alle Staaten heraus, ihr Einhalt zu gebieten. Dieser Gewalt müssen sich nun selbst jene arabischen Regierungen erwehren, die zuvor jede Verantwortung weit von sich wiesen, wenn sie – wie im Fall München – ermahnt wurden, den von ihren Ländern aus agierenden Terroristen endlich das Handwerk zu legen. Khartum war für sie eine Lehre, bitter und hoffentlich heilsam.

Auch für die Palästinenser, die seit nunmehr 25 Jahren in Flüchtlingslagern dahinvegetieren, hat der Terror keine Besserung gebracht, keine Hoffnung wachsen lassen. Die Eiferer unter ihnen glauben, ihr Leid mit Mord lindern zu können. Die Schüsse vom vorigen Freitag haben indessen nichts bewirkt, um die Welt daran zu erinnern, daß es da, fern in Nahost, noch immer, ein Problem gibt, das wir ungewollt mitverschuldet haben, um das wir uns in all den vergangenen Jahren nicht genug gekümmert haben. Solange die Terroristen den Ton angeben, werden alle Appelle zu einer vernünftigen, humanen Lösung auch dieses Problems ohne Echo bleiben.

Von einer Wiedergeburt Palästinas, wie sie die Wortführer der Bewegung erträumen und die Fanatiker durch Mord erzwingen wollen, kann ohnehin keine Rede sein. Palästina ist Geschichte. Aufgabe der Gegenwart ist die schwierige Suche nach einem Ausweg aus dem israelisch-arabischen Dauerkonflikt. Und wenn, nach dem „Nahost-Monat“ in Washington, nicht alles trügt, nach Nixons Treffen mit Jordaniens König Hussein, mit dem ägyptischen Präsidenten-Berater Ismail und der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir, dann stehen die Ampeln derzeit auf Gelb. Die Richtung des Weges, der aus der Sackgasse herausführen könnte, wird erkennbar. Die Bereitschaft der Widersacher zu Kompromissen und Konzessionen läßt hoffen. Jerusalem beharrt nicht mehr auf seiner Forderung nach direkten Verhandlungen etwa mit Kairo. Und Ägypten scheint willens zu sein, sich mit einem Teilrückzug der Israelis vom Suezkanal zu begnügen, ohne zuvor feste Zusagen über einen Totalabzug zu verlangen. Jordanien ist gleichfalls zu Zugeständnissen an Israel bereit.

Ein dritter Weltkrieg könnte im Nahen Osten entbrennen, prophezeite einst der damalige UN-Generalsekretär U Thant. Solche Sorge ist im Augenblick unbegründet. Besser wäre es, wenn Traktoren statt Tanks die Grenzen überquerten, meinte Golda Meir dieser Tage in Washington. Das ist noch Zukunftsmusik. Der Weg zum Frieden im Nahen Osten steckt voller Tretminen. Es gilt, sie aus dem Wege zu räumen, von beiden Seiten her. Auch die Bluttat von Khartum fordert wieder dazu heraus.