Karl Gerold hat im Nachkriegsdeutschland Zeitungsgeschichte gemacht. Der eigenwillige und oft eigensinnige Herausgeber, Verleger und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau war der dienstälteste Lizenzträger der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone. Gerold starb im Alter von 67 Jahren. Bis kurz vor seinem Tod leitete er die Redaktion des engagiert linksliberalen Blattes.

Vom stürmischen Geist der guten Vorsätze im Jahre 1945 ist er nie ganz losgekommen. Polternde Leitartikel, aus der Position eines kämpferischen Antifaschismus geschrieben, irritierten Freunde, Feinde und selbst Mitredakteure. Doch Gerold verstand sich nie zu einem Stil des „sowohl als auch“. Er focht mit einer oft ans Irrationale grenzenden Leidenschaft und mit kruden Formulierungen für die unverlierbaren moralischen Maximen einer humanen, demokratischen Gesellschaft und für radikale tagespolitische Forderungen. Die Mächtigen schonte er nicht, am wenigsten den „bergigen, bayerischen Strauß“. Mit Zustimmung zunächst, später mit zunehmender Verwirrung sah er die Apo. Spannungen in der Redaktion blieben daraufhin nicht aus.

Der vierschrötige Mann – gelernter Schlosser, Autodidakt, Emigrant während der Hitlerzeit – verließ 1952 die SPD, die ihm bis dahin politische Heimat gewesen war. Aber auf Willy Brandt setzte er, als andere noch schwankten. Karl Hermann Flach, heute Generalsekretär der FDP, war damals sein redaktioneller Mitstreiter, Berater und Freund.

Gerolds Weltbild war so expressionistisch wie seine Hobby-Gemälde, schimmernd und skurril wie die Steine seiner Mineraliensammlung, emotional gefärbt wie seine bespöttelte, in der Rundschau und in Sammelbänden gedruckte Erlebnislyrik. Er liebte alte Landsknechtslieder und Hemmingway. Der Jungsozialist Gerold schleuderte 1922 einen Stuhl gegen Hitler, der Zeitungsmillionär schickte dem Bundespräsidenten sein Verdienstkreuz zurück, als ein Franco-Minister mit dem gleichen Orden dekoriert wurde.

Inmitten einer perfektionistisch gewordenen Zeitungswelt versuchte sich Karl Gerold bis zuletzt als Parsifal in einer gespaltenen Welt – ein glühender Romantiker, Individualist und Idealist. Verzweiflung und Hoffnung wohnten bei ihm nah beieinander. Seine Autobiographie blieb unvollendet. Sie sollte den Titel tragen: „Der arme, reiche Konrad.“ Er hinterläßt sein Werk: eine der wenigen unabhängigen und zugleich kommerziell gesicherten Tageszeitungen in der Bundesrepublik. Jochen Steinmayr