Von Gustav Adolf Henning

Mit der Horrorvision einer in toter Landschaft dahinsiechenden Kleinstadt hatte die amerikanische Biologin Dr. Rachel Carson vor rund zehn Jahren als erste davor gewarnt, daß die Menschheit ihr eigenes Nest bedenkenlos mit Insekten- und Unkrauttötern vergiftet. Den Titel ihres Buches „Der stumme Frühling“ prägte sie nach einer ihrer Zukunftsszenen, in der die Pestizidaussaat ohrenfällig geworden war, denn „Es war ein Frühling ohne Stimmen. Einst hatte in der frühen Morgendämmerung die Luft wiedergehallt vom Chor der Vögel, jetzt hört man keinen Laut mehr; Schweigen lag über Feldern, Sumpf und Wald.“

Den Einzug eines leisen Frühlings im Sinne der Rachel Carson glaubt jetzt der Zoologe Dr. Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell (angeschlossen an das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie) auf der Spur zu sein. Er konnte bei 26 europäischen Singvogelarten einen zum Teil drastischen Rückgang nachweisen.

Auf der Mettnau-Halbinsel im Bodensee wurden inmitten eines Naturschutzgebiets in den Jahren 1968 bis 1970 unter konstanten Bedingungen auf dem Herbstzug befindliche Kleinvögel gefangen und mit Ringen markiert wieder freigelassen. Die Analyse der Fangzahlen ergab, wie Berthold schreibt, „etwas Erschreckendes“: 14 Vogelarten hatten in diesen drei Jahren um mehr als 50 Prozent abgenommen, vier Arten sogar um mehr als 66 Prozent.

Bei diesen Vögeln handelt es sich fast ausschließlich um nachts wandernde Zugvögel, von denen bekannt ist, daß sie einem inneren, angeborenen Zugzeitprogramm folgen. Eine plötzliche Verhaltensänderung ist auszuschließen. Vielmehr ist die Häufigkeit, mit der diese Vögel auf einem Rastplatz einfallen, direkt proportional ihrer Häufigkeit im Heimatland. Die abnehmenden Fangzahlen lassen also auf eine Bestandsabnahme schließen. Über das Seltenerwerden der gleichen Arten gingen dem Forscher bei einer Umfrage aus anderen Bundesländern und dem europäischen Ausland gleichlautende Meldungen zu.

Aus dem Rahmen natürlicher Populationsschwankungen fallen die von Berthold ermittelten Zahlen weit heraus. Zugvogelbestände pendeln im langjährigen Mittel nur um zwölf Prozent (0 bis 35 Prozent). Ebensowenig kann der Verlust von Lebensräumen etwa infolge der Kultivierung von Sümpfen oder der Verlust von Brutstätten nach Obstbaumrodungsaktionen für die sprunghafte Abnahme verantwortlich sein. So nannte der Forscher seinen Bericht für die „Mitteilungen der Max-Planck-Gesellschaft“ (im Druck): „Fortschreitende Rückgangserscheinungen bei Vögeln: Vorboten des ‚Stummen Frühlings‘.“

Heute streitet der Naturschützer nicht mehr für den Fortbestand etwa des Weißsternigen Blaukehlchens oder des Grauen Fliegenschnäppers. Seine Politik hat sich gewandelt. Und das nicht nur deshalb, weil er es meistens mit Gesprächspartnern zu tun hat, die für den Fortbestand des Menschen wichtige Fächer vertreten, wie Jura oder Volkswirtschaftslehre, Fächer, in denen das Blaukehlchen oder der Schnäpper gar keinen Stellenwert haben. Die Wandlung erfolgte vielmehr nach dem Motto, daß einem das Hemd näher ist als die Jacke.