Zum erstenmal gaben die Werhahns Einblick in ihre Firmenpolitik

Von Hans Otto Eglau

Ein Fremder würde nie erraten, was hinter der spät-wilhelminischen Fassade des Hauses Königstraße 84 in Neuss gespielt wird. Erst wenn er die schmalen Stufen zur Tür des unansehnlichen Gebäudes hinaufginge, würde er stutzig werden: Auf einem weiß emaillierten alten Namensschild steht, klein und an versteckter Stelle, „Wilh. Werhahn“.

Hinter den Mauern kleinbürgerlicher Wohnkultur verwaltet eine der reichsten Familien der Bundesrepublik ihren umfangreichen Industriebesitz. Die mit der Familie Adenauer und – weitläufig – auch mit dem Kardinal Frings aus Köln verwandte Sippe hat nahezu mit allem zu tun, was im täglichen Leben eine Rolle spielt: Sie produziert Öle und Fette, mahlt Mehl und braut Bier, betreibt Lebensmittel-Supermärkte, stellt Schneidwaren her, handelt mit Brennstoffen, bietet Versicherungspolicen an und betreibt alle Arten von Bankgeschäften.

Darüber hinaus spielen die Werhahns eine führende Rolle im Baugeschäft, sind selbst namhafter Produzent von Baustoffen, vor allem von Basalt, handeln mit Holz und Düngemitteln und haben starke Interessen im Maschinenbau. Heribert Werhahn, geschäftsführender Gesellschafter der Firmengruppe: „Wir verfolgen bereits seit 50 bis 60 Jahren das Prinzip eines Konglomerats.“

Das vielgliedrige Industrie-Imperium wird – ein einmaliges Phänomen – als offene Handelsgesellschaft (OHG) geführt, in der nicht weniger. als 68 Familienmitglieder Sitz und Stimme haben. Zwar haften nach dieser sonst vorwiegend von kleineren Firmen bevorzugten Rechtsform alle 68 Gesellschafter mit ihrem gesamten, also auch dem privaten Vermögen; den Familienbossen erschien es jedoch ratsam, nur zwölf Teilhabern die aktive Geschäftsführung im Unternehmen zu gestatten.

Aus dem Kreis der geschäftsführenden Gesellschafter bilden sechs Familienbosse den Vorstand. Er wird von einem dem Aufsichtsrat einer AG vergleichbaren Verwaltungsrat kontrolliert, dem gleichfalls zwölf Werhahns angehören. Dieses Gremium tritt mindestens vier- bis fünfmal jährlich zusammen und hat vor allem das Investitionsbudget zu genehmigen. Das Gesellschafterplenum tagt dagegen nur einmal jährlich, um den Geschäftsbericht entgegenzunehmen.