Von German Kratochwil

Vor wenigen Jahren noch lief manch deutschem Wanderer im abgelegenen Bergland Südargentiniens ein untertäniger Schauder über den Rücken, begegnete ihm ein Greis mit grauem Schnauz und österreichisch getöntem Gruß. War nicht 1945, kurz nach der Kapitulation des Dritten Reiches, ein deutsches U-Boot in den Stromschnellen eines chilenischen Flusses vorgedrungen und im einsamen Krügersee Patagoniens aufgetaucht? Aber solch nautische Wunder, wie sie der argentinische Abgeordnete Silvio Santander auftischte, gehören denn doch in den Bereich der Grusel-Comics. Immerhin: Argentinien und die „Nazis“ – das blieb bis heute hin ein Leitmotiv in den Betrachtungen über die Beziehungen Deutschlands zu dem bedeutenden südamerikanischen Fleisch- und Kornexporteur. Schließlich wurde Adolf Eichmann von israelischen Agenten in Buenos Aires aufgestöbert, schließlich überstand Hitlers beliebtester Stukaflieger Hans Ulrich Rudel hier die bittere Nachkriegszeit, schließlich wollte noch jüngst der Bestseller-Schreiber Farago hier den leibhaftigen Martin Bormann entdeckt haben.

Wahrheit und Legende sind weiterhin so eng verwoben, daß sogar in Fernsehsendungen über die Deutschen in Argentinien die Frage nach den „Nazis“ stur wiederkehrt. Man ist versucht, diese Geschichten mit einem ironischen „Und wenn sie. nicht gestorben sind, dann ...“ abzutun. So aber verfahren Wissenschaftler nicht. Zunächst wurden in Amerika und in der DDR, auf Grund unzulänglicher Auswertung der Quellen, legendenerhärtende Abhandlungen über den Nationalsozialismus in Südamerika veröffentlicht. Doch auch eine sorgfältigere Arbeit, mit dem Anspruch der zumindest methodologischen Unbestechlichkeit, kann Überraschungen bringen:

Arnold Ebel: „Das Dritte Reich und Argentinien. Die diplomatischen Beziehungen unter besonderer Berücksichtigung der Handelspolitik, 1933–1939“; Böhlau Verlag, Köln 1971; 472 S., 62,– DM.

Nach dem Vorsatz des Autors sollten „diejenigen Ereignisse sowie ihre Hintergründe und Auswirkungen nachgezeichnet werden, welche die Diplomaten der beiden Länder in irgendeiner Form in Aktion treten ließen“. Ein schmaler Ausschnitt der Außenpolitik Hitler-Deutschlands also – aber dabei ist es nicht geblieben.

Wie Ebel nachweist, konnte man bis zum Kriegsausbruch von keiner profilierten Lateinamerika-Politik des Auswärtigen Amtes sprechen: es gab handfeste wirtschaftliche Interessen – Argentinien nahm in der deutschen Einfuhrstatistik abwechselnd den 9. bis 15. Platz ein. Erst in zweiter Linie hofften die Diplomaten, die reservierte Haltung der Regierung in Buenos Aires gegenüber Washington stärken zu können. Gleichwohl gab man sich in der Wilhelmstraße nicht der Illusion hin, daß eine vor allem an England gebundene Führungselite jemals für ein martialisch-antiliberales Regime wie das deutsche Sympathien aufbringen würde.

Die verhältnismäßig normalen Beziehungen zwischen beiden Ländern wurden zunehmend durch die Auslandsorganisation der NSDAP gefährdet. Bereits 1931 bildete sich unter den Auslandsdeutschen eine nationalsozialistische Ortsgruppe Buenos Aires. Sie hatte in der deutschen Kolonie, im Geschäftsleben, im Presse- und Schulwesen, auch unter faschistoiden argentinischen Gruppen, bis 1939 einen zwar begrenzten, aber doch ausschließlich schädlichen Einfluß, denn, wie im Regierungsdekret vom Mai 1939 – durch das diese Organisation verboten wurde – zurückhaltend gesagt wurde, durch sie wurden die „inneren Streitigkeiten der europäischen Länder“ nach Amerika gebracht. Für diesen Export an Zwietracht bedankte man sich.