Von Karl-Heinz Janßen

Paris, im März

Im Panoptikum der Weltgeschichte wird die internationale Pariser Vietnamkonferenz als surrealistisches Kabinettstück seinen Wert behalten. Daß Kriege heutzutage nicht mehr erklärt und auch nicht mehr durch Friedensschlüsse beendet werden, daran hatte man sich nachgerade gewöhnt. Doch in Paris wurden die Dinge völlig auf den Kopf gestellt. Zwölf Regierungen, von denen sich drei noch untereinander im Kriegszustand befinden, garantierten einen Frieden, den es gar nicht gibt. Drei vietnamesische Kriegsparteien verpflichteten sich und die anderen auf die Einheit ihres Landes, doch praktisch erstrebte nur die erste die Einheit; die zweite sprach, als wolle sie lieber die Zweiteilung; die dritte handelte, als wolle sie gar die Dreiteilung.

Selten gingen Schein und Sein so auseinander wie im weiten Rund des Hotels Majestic an der Avenue Kleber. In Paris wurde auf den Frieden getoastet, in Vietnam donnerten die Geschütze, in Paris wurde die Selbstbestimmung des vietnamesischen Volkes beschworen, in Vietnam wurden den Bürgern allenthalben die demokratischen Grundrechte verweigert; in Paris gelobten alle strikte Beachtung des Waffenstillstandes, in Vietnam wurde eben dieser Waffenstillstand dauernd mißachtet: die Kontrolleure wurden angegriffen, die Freigabe der Gefangenen, der Abzug der Truppen und die Räumung der Minen verzögert.

Doch um gerecht zu bleiben: das Ziel der Pariser Konferenz war äußerst eng gesteckt. Sie sollte lediglich das Pariser Vietnamabkommen vom 27. Januar zur: Kenntnis nehmen und durch eine „Schlußakte“ feierlich bestätigen. Zu diesem Behufe hatten die beiden Kontrahenten – Amerika und Nordvietnam, stellvertretend auch für ihre Schutzbefohlenen in Südvietnam – die Regierungen jener Länder dazugeladen, die Beobachtersoldaten nach Südvietnam entsandt haben – Kanada, Indonesien, Polen, Ungarn; ferner die beiden Waffenlieferanten Rußland und China; schließlich die Franzosen (als Gastgeber) und die Engländer (die eigentlich nur dazu dienten, bei der Sitzordnung die verfeindeten südvietnamesischen Brüder auseinanderzuhalten).

Für die Einladung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen wollten die Nordvietnamesen hernach nicht mehr geradestehen. Kurt Waldheim durfte weder präsidieren, wie es ihm seinem Rang nach zugekommen wäre, noch durfte er unterzeichnen, und sein Vertreter wurde von den Beratungen über den Schlußtext ausgeschlossen. Nicht einmal: die Verteilung der Wiederaufbauhilfe wollte man ihm anvertrauen, geschweige denn die Überwachung des Waffenstillstandes, wie es Kanada gewünscht hatte.

An Stelle eines internationalen unabhängigen, neutralen Gremiums, setzte sich die Konferenz denn selber als Kontrolleur ein. Der Kontrollmechanismus ist aber derart kompliziert, daß wohl keine der unterzeichnenden Regierungen im Ernst geglaubt haben wird, er könne jemals funktionieren. Die internationale Kontrollkommission berichtet den vier ehemaligen Kriegsparteien; diese wiederum sollen gemeinsam oder einzeln den anderen Konferenzteilnehmern prompt die Berichte zustellen – sie müssen aber nicht. Auch der UN-Generalsekretär soll zu den Adressaten gehören – er freilich nur „informationshalber“. Im Falle schwerwiegender Verstöße gegen das Januarabkommen kann auf gemeinsamen Wunsch Washingtons und Hanois oder auch auf Betreiben von mindestens sechs Teilnehmerstaaten die Konferenz wieder einberufen werden. Aber militärische oder wirtschaftliche Sanktionen gegen einen Vertragsbrecher sind nicht vorgesehen. Angesichts derart mangelnder Vorsorge hat sich Kanada vorbehalten, nach Ablauf von sechzig Tagen sein Kontingent aus der Beobachterkommission zurückzuziehen.