In Frankreich ist nach dem ersten Wahlgang alles noch offen. Einen Erdrutsch hat es nicht gegeben. Die gaullistische Mehrheit ist zusammengeschmolzen, die Linke hat zugenommen, den „Reformatoren“ ist ein Durchbruch nicht gelungen. Entschieden ist damit nichts. Und die Zahlen vom vergangenen Sonntag sagen wenig darüber aus, wie der französische Wähler sich bei der Stichwahl am kommenden Wochenende verhalten wird.

Das meiste spricht dafür, daß es der gaullistischen Mehrheit noch einmal möglich sein wird, eine Mehrheit zusammenzukratzen: die Besonderheit des Wahlrechts; der eingefleischte Anti-Kommunismus des französischen Bürgers, den das gute Abschneiden der KP erneut anstacheln könnte; aber auch die mangelnde Verläßlichkeit der Wahlabsprachen zwischen Sozialisten und Kommunisten. Allerdings deutet vieles darauf hin, daß die Gaullisten diesmal, um eine neue Mehrheit zu zimmern, sich der Unterstützung der Reformparteien versichern und diesen daher Zugeständnisse machen müssen: in Richtung auf Lockerung nach innen wie nach außen.

So oder so hat wohl die letzte Stunde des alten Gaullismus geschlagen. Die UDR hat nur noch knapp 24 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen können. Die Gleichsetzung von Gaullisten und Mehrheit, die einst gang und gäbe – und berechtigt – war, ist anachronistisch geworden. Wie immer das Mandat aussehen wird, das die Franzosen bei den bevorstehenden Stichwahlen definieren werden – es wird ein Mandat für Öffnung, Wandel, Reform sein. Th. S.