Elend der Kulturphilosophie

Nach den Mordfesten der Nazis wissen wir: westliche Zivilisation, einschließlich Bachs und der neuen theoretischen Physik, kann koexistieren mit nackt und schamlos sich zeigender Barbarei. Des sind die Abendländer sich bewußt, und darum ist ihnen nicht mehr wohl in ihrer Haut. So inszenieren sie eine Gegenkultur, die kulminiert im Pop-Geheul, vor dem einem in seinem Yale-Studierzimmer über dem Zeitengeschick brütenden Manne hoher Erudition angst und bange wird. Im Räume, wo jenes Abendland, über dessen Wertzerfall schon Broch spekulierte, zusammenbricht und von einer universellen Sound-Kultur und einer technisch-exaktwissenschaftlichen Kenntnisfülle abgelöst wird, verfällt die Sprache.

Was tun? Eine Leninsche Frage. Der Kulturphilosoph kennt kein Zaudern und Zagen. Wie Blaubarts Geliebte in dem von Bartók vertonten Horror-Märchen verlangt er in äußerster Entschlossenheit den Schlüssel zur letzten Tür, nachdem er hinter anderen ohnehin schon alle Versionen des Grauens hat sehen müssen. Nur immer frisch los und geöffnet das Tor: aus der Nach-Kultur, in der wir leben, schreiten wir vielleicht in die Gefilde der fröhlichen Wissenschaft. Der Autor läßt sich’s nicht verdrießen, und er legt die Ergebnisse seiner Wanderungen in der Essaysammlung

George Steiner: "In Blaubarts Burg", Anmerkungen zur Neudefinition der Kultur; suhrkamp taschenbuch 77, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 156 S., 5,– DM

dem ebenso tapferen Leser vor. Dieser aber fragt sich alsbald, schon nach der Lektüre des ersten Aufsatzes ("Das große Unbehagen"), ob hier der Aufwand an Bildungsmaterial und einer gewissen, ihrerseits Unbehagen erweckenden Feierlichkeit in einem vernünftigen Verhältnis stehen zum gedanklichen Ergebnis. Der von Unbehagen erfaßte George Steiner schlägt uns Namen um die Ohren, daß uns Hören und Sehen vergeht. Paul Ricceur und Husserl, René Char und Shelley und Yeats – man hat zuweilen das Gefühl, als müsse man dem Verfasser begütigend sagen: Übernehmen Sie sich man nicht, wir wissen schon, daß Sie ein sehr gebildeter Mann sind.

Die Hypothesen laborieren an der endogenen Krankheit einer jeden Kulturphilosophie: Sie können ebensogut richtig sein wie auch nicht.

Zum Beispiel ist es recht interessant, wenn Steiner in dem Essay "Une saison en enfer" den Antisemitismus auf folgende Weise erklärt: Die mosaische Gottesidee, für welche die Gottgestalt unaussprechbar und unvorstellbar sei, müsse als Absenz verstanden werden und habe als solche die "menschliche Psyche ... aus dem vertrauten Boden gerissen". Er zitiert Nietzsche, nach welchem die Lehre vom Einen Gott die "ungeheuerlichste aller menschlichen Verirrungen gewesen sei". Er erklärt, die Forderungen des Monotheismus "hätten sich als nahezu untragbar" erwiesen – und deutet solcherart die Hinmetzelung von Millionen Juden, in der er keineswegs ein spezifisch deutsches Phänomen sieht.

Was soll man zu so weitausgreifender philosophischer Vision sagen? Mir persönlich erscheinen andere Explikationsschemata plausibler, aber ich muß einräumen, daß hier originell gedacht wurde. Ebenso ergeht es dem Leser, wenn er sich von Steiner versichern läßt, "die Martern, welche den Opfern in Justine (des Marquis de Sade) und in den Cent-vingt jours aufoktroyiert sind, bilden in vollendeter Logik ein Fließband- und Akkordarbeitsmodell für alle menschlichen Relationen. Jegliches Glied, jedweder Nerv – sie werden abwechselnd gezerrt oder ausgerenkt mit der unbeteiligten kalten Wut des rotierenden Kolbens des Dampf- und Preßlufthammers". Mag sein. Die Kulturphilosophie ist ein zwar schwieriger, zugleich aber auch vergnüglicher Job: Man muß was gelernt haben, um sich legitim vernehmen zu lassen; hat man dies aber getan, dann darf man nach Herzenslust gedankendichten.

Elend der Kulturphilosophie

Freilich gelten die poetischen Lizenzen nicht allüberall. So kann man beispielsweise eine der Hauptthesen Steiners, die er schon in seinem 1969 in Deutsch bei Suhrkamp erschienenen Werk "Sprache und Schweigen" vertrat, mit Fug anfechten, beziehungsweise kann gründlichere empirisch-soziologische und empirisch-linguistische Beweisführung verlangen, wenn (in dem Essay "Blick auf das Morgen") die Behauptung aufgestellt wird, wir gingen einer Zeit der Sprachlosigkeit entgegen.

Ist es denn statthaft, so rundweg zu erklären, es sei zu Ende mit einer Kultur, für die der doppelte Wortsinn von "Logos", nämlich "Wort" und im Wort verkörperte "Vernunft", das Wesensmerkmal war? Ist tatsächlich das Gehämmer von Pop, Volk oder Rock oder was da gespielt wird" die Klangglocke, unter der wir uns alle befinden und die eine neue, wortfremde Bewußtseinsstruktur des Menschen aufbauen wird? Daß in der Tat die jungen Leute zwischen 16 und 25 in einer Klangwelt leben, welche die Älteren an den Rand des Wahnsinns treiben kann und daß hierbei physiologisch feststellbare Gehörschäden bewirkt werden, ist kaum mehr als ein hundertmal durch die Diskussion geschleppter Gemeinplatz. Daß aber die "Soundkapsel", von der Steiner spricht, den Menschen so sehr bedinge, daß er mit dem Leser und Sprecher von einst so gut wie nichts mehr zu schaffen habe – das wäre erst noch zu erhärten, und zwar vermittels präziser empirisch-soziologischer Untersuchungen. Wenn alles nur auf impressionistisch-feuilletonistische Kulturphilosophie hinausläuft, dann ist die meine so teuer oder so billig, so gut oder so schlecht wie die Steinersche. Mich jedenfalls dünkt, als sei das ganze Gerede vom Verstummen eine kaum noch vertretbare, zudem längst den geduldigsten Leser nicht mehr amüsierende Denkspielerei.

Wie verhält es sich denn wirklich? Es werden Pop-Songs gesungen und bilden eine "internationationale lingua franca" der Jugend. Gewiß. Nur ist das Phänomen nicht so schrecklich neu und umstürzend, wie verschreckte Geistigkeit meint. Wir (ich meine die Generation derer, die heute um die sechzig sind) sangen in Paris und in Berlin und London und Wien "Cheek to cheek", und unsere feinsinnigen Mütter sahen am Horizont die apokalyptischen Reiter, weil wir zu den Klängen aufziehbarer Koffer-Grammophone schon vormittags um elf Slow-Fox tanzten.

Auch mit dem weiter von Steiner exemplifizierend angeführten Phänomen der die Sprache verdrängenden mathematischen Symbolik stimmt es wohl nicht ganz. Im wissenschaftlichen Sinne ausdrückbar sind gewisse Erkenntnisse der modernen Forschung, namentlich der theoretischen Physik, sicherlich nur durch die mathematische Symbolik. Die Modellvorstellungen aber werden von den Forschern erschaut und in der Alltagssprache gedacht, ehe sie, in mathematische Zeichen übertragen, wissenschaftliche Gültigkeit erlangen. Und gar wo die Wissenschaft beginnt, über sich selbst nachzudenken, hält sie wie eh und je sich an die Sprache und deren metaphorischen Grundcharakter: Man erinnere sich doch des Werkes "Zufall und Notwendigkeit" des Nobelpreisträgers Jacques Monod, das in seinen gedanklichen Konsequenzen in die reine (übrigens umstrittene und bestreitbare) Poesie hinaufreicht. Steiner widerspricht in seiner Rhapsodie der Sprachdämmerung übrigens sich selber, wenn er nämlich von einer "poetry of facts" spricht und die "surrealistische Phantasie" kosmologischer Erkenntnisse heraufbeschwört. Wie im Gegensatz zu den Behauptungen McLuhans, von denen man nicht mehr viel spricht, das Fernsehen eher zu einer genaueren sprachlichen Artikulation der "breiten Massen" beigetragen hat, als daß es Sprachverarmung herbeigeführt hätte, so ist auch die moderne Naturwissenschaft, einschließlich ihrer logischen Dienerin, der Mathematik, Inspiration und nicht Erstickung des "Logos".

Und schließlich begegnen wir häufig in diesem Buche ausgesprochenen Trivialitäten. Was ist zu sagen, wenn uns erklärt wird, es eigne "den Künsten eine tiefe Logik konsequenter Energie, nicht aber des additiven Fortschreitens im Sinne der Wissenschaft" Und was zu der Versicherung, daß seit Athens Tagen dem westlichen Fühlen die Überzeugung innewohne, "daß der forschende Geist vorwärts dringen müsse"? Und was zu der ans Ende des Buches gesetzten Deklaration folgenden Wortlauts: "Wir können nicht mehr umkehren... vielmehr werden wir, so erwarte ich, auch das letzte Tor der Burg (Blaubarts) öffnen, und sollte es auch zu Wirklichkeiten führen ... welche außerhalb allen menschlichen Verständnisses und aller Menschenkontrolle liegen."

Jedennoch – wurde nicht in dieser Rezension dem Verfasser Unrecht zugefügt? Am Ende äußert sich ja da ein Mann von ungewöhnlich weit ausgreifender Bildung, von ernster Besorgnis um die Zukunft unserer Spezies, ein Autor, der glänzend formuliert? (Friedrich Polakovics hat ihn ebenso getreu wie geistvoll übertragen.) Geziemt sich unter diesen Umständen der aggressive Ton, den ich zum eigenen Unbehagen aus meinem Text heraushöre? So sei denn auf der Stelle eine Art von Wiedergutmachung versucht. Nicht gegen George Steiner polemisiere ich. Nicht er ist es, der mich irritiert und aus dem notwendigen Rezensenten-Gleichgewicht bringt, sondern die Kulturphilosophie als solche. In Spenglers Tagen mochten unbelegte und unbelegbare Spekulationen noch möglich, ja sogar notwendig gewesen sein: Sie waren Identitätsfaktor einer bestimmten kulturbeherrschenden Schicht. In einer Zeit aber, wo im rasenden Verlauf von immer mehr Denk- und Verbreitungsprozessen die Wörter und Begriffe schon binnen kürzester Frist durch bloßen Verschleiß einen vernichtenden Wertverlust erfahren, ist nur noch im Gespräch Raum für diese Kulturkritik. Wahrscheinlich erweist der Verlag Steiner keinen Dienst, wenn er Überlegungen, die vor mehr als drei Jahren in Vortragsform konzipiert wurden und als Katheder-Meditationen gewiß auch eine anregende Wirkung ausgeübt haben, in diesen Tagen der deutschen Leserschaft präsentiert.