Von Nachum Orland

In den „vorläufigen“ neuen Grenzen des Staates Israel leben seit dem Sechstagekrieg von 1967 mehr als 1,5 Millionen Araber, deren Zukunft unklar ist. Da mit den arabischen Staaten bislang noch nicht offiziell über den Frieden verhandelt wurde, drücken sich viele Israelis vor der Notwendigkeit, sich in der Grenzfrage grundsätzlich, politisch zu entscheiden. Mag es Bosheit oder Bequemlichkeit sein, einige gehen so weit zu behaupten, es gebe niemanden, dem man die besetzten Gebiete zurückgeben könne.

Gegen die immer stärker werdende Tendenz, sich die eroberten Gebiete stillschweigend, gewissermaßen „aus Verlegenheit“ einzuverleiben, ist nun kein geringerer als der ehemalige Generalsekretär der regierenden Partei (Mapai), einer der profiliertesten Politiker Israels, Luba Eliav, aufgetreten. In Europa ist dieser Mann nahezu unbekannt, so daß einige Worte zur Person angebracht sind. Eliav, Sproß der geachteten Rabbiner-Familie Ettinger, Artillerie-Offizier a. D., war einer „der Emissäre“ Israels in Ländern, in denen die „legale“ und halblegale“ Auswanderung von Juden organisiert werden mußte. Einige Jahre war er in der Sowjetunion; in der Uniform eines französischen Offiziers managte er 1956 den Exodus der ägyptischen Juden. Später übernahm er eine verantwortliche Rolle in der regierenden Partei, die er glänzend meisterte, galt als Vertrauensmann von Golda Meïr und wurde gelegentlich selber als möglicher Regierungschef genannt – er hat die 60 noch nicht erreicht.

Sein Buch, das leider nur in Hebräisch vorliegt,

Arie (Luba) Eliav: „Glory in the Land of the Living“; Am Oved Publishers Ltd, Tel Aviv 1972, 483 S., I £ 16,–,

hatte etwa die Wirkung einer Bombe: alle erschreckten sich. Denn Eliav redet seinen Landsleuten ins Gewissen: „Wir haben die besetzten Gebiete an die Palästinenser zurückzugeben!“ Eliavs These ist folgende: Mit den arabischen Staaten können keine normalen diplomatischen Beziehungen hergestellt werden, wenn das große Hindernis, das ungelöste Problem der zwei bis crei Millionen Araber, die mittlerweile ihre palästinensische Identität gefunden haben, ausgeräumt sein wird. Freilich soll dies nicht auf Kosten Israels geschehen. Die Grenzen seines Landes von 1949 sind auch für Eliav heilig und endgültig. Doch in den besetzten Gebieten solle Israel – wenn nötig von sich aus – für die Araber einen freien Staat gründen. Eliav schlägt sogar die Auflösung Jordaniens vor, das ein Teil des neuen Staates sein soll.

Unklar bleibt, ob Israel notfalls mit Waffengewalt König Hussein stürzen sollte, um den Palästinensern, „großzügigerweise“, die Gründung eines Staates zu ermöglichen, der größer wäre als Israel in den Vorkriegsgrenzen. Denn ein palästinensischer Staat soll ja lebensfähig sein und nicht bloß ein „Protektorat“. Das Eintreten Israels für eine echte Unabhängigkeit des Nachbarvolkes möchte Eliav als endgültigen, geschichtlichen, politischen und moralischen „Ausgleich“ beider Völker verstanden wissen, eine Art „israelischer Wiedergutmachung“ an den Palästinensern, an deren Leiden und Entwurzelung die Israelis keineswegs allein die Schuld tragen.