Von Carl-Christian Kaiser

Buenos Aires Ende Februar

Am Anfang sah alles wie nach einer Audienz bei Hofe aus. Zunächst war ungewiß, ob der argentinische Staatspräsident General Lanusse überhaupt Zeit haben würde, die Besucher aus der Bundesrepublik zu empfangen. Die geschäftigen Sekretäre in den Vorzimmern der Präsidentensuite in der „casa rosada“, dem Regierungsgebäude in Buenos Aires, waren sich dessen gar nicht sicher. Dann hatte es den Anschein, als werde die Zeit nur zu einem Gruppenphoto mit dem General reichen – für jene Spalten in der argentinischen Presse, in denen über das Tagesprogramm des Präsidenten berichtet wird.

Als sich dann die Tür zum langgestreckten Amtszimmer öffnete, war vom Druck des Terminkalenders so wenig zu spüren wie vom steifen Zeremoniell einer Audienz. Daran erinnerten allenfalls der uniformierte statuenhafte Adjutant, der sich rechts hinter dem General aufgestellt hatte, und jene düstere Pracht, wie sie in Lateinamerika viele Räume kennzeichnet, in denen die Mächtigen residieren. Das Frage-und-Antwort-Spiel mit Alejandro Lanusse kreiste um das argentinische Kardinalthema: um den Versuch, mit den Wahlen am kommenden Sonntag dem Land nach siebenjähriger Militärregierung mit wechselnden Generalpräsidenten wieder ein demokratisches System zu geben.

Bis in die letzten Wochen hinein fehlte noch die letzte Gewißheit, ob es bei dem Wahltermin des 11. März bleiben werde. Doch wenn Lanusse selbst Skrupel gekommen sein mögen, ob es richtig sei, den Versuch schon jetzt zu wagen, so haben andere Mitglieder der Militärjunta darauf bestanden, daß die Streitkräfte ihr einmal gegebenes Wort einlösen müßten. Die Militärs möchten sich aus der undankbaren Regierungsverantwortung in einem Land mit vielen sozialen Spannungen und wirtschaftlichen Problemen zurückziehen. Auch ist das Drängen der politischen Parteien so stark geworden, daß man das Steuer wohl kaum noch hätte herumwerfen können. Der General ließ jedenfalls nun keinen Zweifel daran, daß die Wahlen wie vorgesehen stattfinden werden.

Freilich sprechen Lanusse und seine Berater stets von einer „Übergangszeit“ – nämlich bis zum nächsten Stimmengang, der 1977 folgen müßte. Nach den langen Jahren der Schwierigkeiten und Krisen sei die Rückkehr zur Stabilität und zu einem demokratischen Kräftespiel ein komplizierter und ungewisser Prozeß. Manchmal klingt dies so, als könne erst nach den Wahlen von 1977 wieder von Normalität die Rede sein.

Das Wort von der „Übergangszeit“ ist insofern verständlich, weil der Gegensatz zwischen einem großen Teil der Militärs und den Peronisten unverändert stark ist. Die Peronisten haben zu einem „Volksentscheid gegen die Militärdiktatur“ aufgerufen. Viele Argentinier gehen davon aus, daß die Peronisten, sofern sie nicht schon im ersten Wahlgang mit mehr als 50 Prozent der Stimmen für ihren Präsidentschaftskandidaten Hector Campora über alle ihre Konkurrenten triumphieren sollten, sich bei der dann am 8. April folgenden Stichwahl zwischen den stärksten Gruppierungen durchsetzen.