Polizeipräsidenten sitzen den ganzen Tag am Schreibtisch und sind abends meistens zu Hause. Aber ein Polizeipräsident saß nicht immer am Schreibtisch und war abends auch selten zu Hause. Wenn er nicht am Schreibtisch saß oder nicht zu Hause war, saß er meistens im „Verbrecherkeller“. Der Polizeipräsident war Polizeipräsident von Berlin, und der „Verbrecherkeller“ war ein Lokal in der Köthener Straße. Der Polizeipräsident hieß Grzesinski und spielte im „Verbrecherkeller“ Karten, meistens „Klaberjaß“, das als Glücksspiel gilt, wenn Karten auf dem Tisch bleiben ... Und Fußball-Paul muß jetzt wieder oft an ihn denken, weil man überall so viel von den zwanziger Jahren spricht.

„Wenn Grzesinski hereinkam“, sagte Fußball-Paul, „türmte niemand, er wollte ja nur Karten spielen.“ Fußball-Paul spielte öfter, mit ihm Karten und fragte ihn dann mal: „Wollen Sie sonst vielleicht noch was von mir?“ Da sagte der Polizeipräsident: „Wenn ich morgen wieder oben sitze, weiß ich wieder, was hier unten gespielt wurde, und sollte ich von einem meiner Beamten hören: ‚Da ist schon wieder ein Vorgang betreffs Fußball-Paul‘, werde ich sagen: ‚Da meinen Sie wohl den Fußball-Paul aus dem Verbrecherkeller. „Wir haben auf ihn dann einen Spruch gemacht“, sagte Fußball-Paul, „Der Rubel rollt, Grzesinski lacht, es jubeln die Banditen.“ Das muß 1925 oder 1926 gewesen sein. „Aber er war später doch noch einmal Polizeipräsident?“ Zuerst war er von 1925 bis 1926 Polizeipräsident. 1930 kam er wieder und blieb bis 1932. Von 1918 bis 1932 hatte Berlin sieben Polizeipräsidenten.

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Während dieser Zeit standen vor dem Café „Mikado“, Ecke Friedrichstraße und Puttkamerstraße, nur „Stiefel-Frauen“. „Manche waren ganz in Leder“, sagte Fußball-Paul, „und die Stiefel mußten extra angefertigt werden; den Freiern ging es ja um die Stiefel. Da war auch der ‚Transvestiten-Strich‘. Und im ‚Mikado‘ verkehrte alles, was schwul war und noch anders, und ich weiß nicht was, aber mit besonderer Note... Und die Leute, mit denen ich damals zu tun hatte, waren alle in einem Ringverein. Ich war Mitglied von ‚Immertreu‘. Und in der Köthener Straße und Ecke Friedrichstraße und Puttkamerstraße, überhaupt auf dem ganzen Kietz da, hatte man im allgemeinen seine Ruhe, weil der Besitzer von der ‚T. D. Bar‘ in der Köthener Straße, wo Leute mit besonderen Wünschen verkehrten, die aber keine besondere Note hatten, für Polizisten mit Schnurrbart schwärmte. Jeden Abend ging ein Kasten Bier in die Revierwache; sie war im Potsdamer Bahnhof... Wer in einem der Ringvereine war, kam später ja ins KZ. Nur einer nicht, Rolf hieß er, und ich glaube, Jünger mit Nachnamen. Der trat 1933 in die SA ein. Jahrelang hatte er Frauen auf den Strich geschickt, und das machte er nun fleißig weiter, aber wenn jemand sagte ‚Du Schwein‘, sagte er: ‚Damit beleidigst du die Uniform des Führers, ich bin jetzt gesetzlich geschützt!‘“ Fußball-Paul ist über siebzig, hat aber noch volles Haar, hält sich gerade und geht zu jedem Fußballspiel.

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Ein Zuhälter, der heute einen Wagen fährt, den man nicht unter zwanzig Mille kriegen kann, hat eine „Klassefrau“. Ein Zuhälter mit einer „Klassefrau“ läuft im Urlaub Wasserski. – Ein Zuhälter mit einer „Klassefrau“ hat auch eine „Klassewohnung“. – Und ein „Klassezuhälter“ hat neben seiner „Klassefrau“ noch eine, die er zur „Klassefrau“ machen will. Um eine „Klassefrau“ zu werden, muß sie Klasse aussehen und ihn in jeder Beziehung für Klasse halten und das Geldverdienen für ihn Klasse finden. Um aber die erste „Klassefrau“ nicht zu verlieren, heiratet der „Klassezuhälter“ diese „Klassefrau“, und sollte sie sich scheiden lassen, hat er noch die andere „Klassefrau“ und sucht dann weiter, bis er die „Spitzenklasse“ findet... Und wenn ein „Klassezuhälter“ Briefe schreibt, dann nur an Versicherungsgesellschaften wegen Schäden an seinem Wagen.

österreichische Zuhälter sind für deutsche Zuhälter keine Ausländer. Die meisten ausländischen Zuhälter sind Türken. Und diese Türken in Köln. Sie kontrollieren da auch den „Babystrich“. Die deutschen Zuhälter, ob „Klassezuhälter“ oder was dann kommt, bis runter zum „Bratkartoffelzuhälter“, warten, bis Mädchen achtzehn sind. Daran wird nicht gerüttelt. Aber sie lassen die „Gastarbeiter“ verdienen.