ZDF, Sonntag, 4. März: „Junge Lehrer zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, von Eva Müthel

Dieser Report nahm sich, und das ist angesichts der Bildungsmisere hierzulande nicht das Schlechteste, bisweilen wie ein Werbefilm für junge Lehrer aus: Sieben Magister, bartlose Herren und adrett geschminkte Damen, spielten Basketball, rauchten und hoben Babys in die Luft, debattierten mit Schülern und Eltern, präparierten das Schaumaterial für die kommende Stunde und sprachen mit einem Freimut von ihren Problemen, dem Rollenschema ihres Berufs und der Motivation, die sie zum Lehrer werden ließ, redeten von ihren Sorgen mit einer Offenheit, die man, im Fernsehen, bei anderen jungen Fachvertretern bisher nicht erlebte.

Was die Lehrer auszeichnete, war die Manier, in der sie, rational argumentierend, das Problem der Reversibilität verdeutlichten: Wird im Klassenzimmer so unterrichtet, daß die Schüler, die Ausdrucksweise des Lehrers übernehmend, sich dem Erwachsenen gegenüber mit dem gleichen Vokabular verständlich machen könnten, ohne gegen Gebote des Takts zu verstoßen? (Reversible Äußerung: Würdest du den Satz bitte noch einmal wiederholen? Irreversible Äußerung: Nun setz dich schon hin!) Hier wurde das Verhalten eines Berufsstandes beispielhaft reflektiert, wurden Schwierigkeiten verdeutlicht (ein liberaler Lehrer innerhalb eines konservativen Kollegiums dient den Schülern als Ventil für ihre Aggressionen: Berufsaufgabe oder Übernahme autoritär strukturierter Didaktik, na, sehen Sie, Herr Kollege, ich hab’s Ihnen ja immer gesagt, ohne Zwang geht es nicht – eine dritte Möglichkeit fällt aus), hier wurde das Thema beim Namen genannt, ob es in einer feindlichen (sprich: von gesellschaftlichen Disparitäten bestimmten) Umwelt eine Schule geben könnte, in der Freundlichkeit praktiziert wird: Man simuliert Chancengleichheit und sieht doch genau, daß gerade die antiautoritäre Erziehung, im Kontext der sozial bedingten Autoritäts-Strukturen die ohnehin bestehende Diskrepanz zwischen Mittelschichts- und Unterschichtskindern noch weiter vergrößert, da diese Art von Erziehung in erster Linie jenen dienlich ist, die ihre Probleme ohnehin am besten zu verbalisieren verstehen.

Pardon, solche Thesen haben die Lehrer gar nicht vertreten; das sind Überlegungen, die der Betrachter am Bildschirm anstellte – Betrachtungen, zu denen die Autorin des Films, Eva Müthel, die Pädagogen hätte provozieren müssen. Statt die ach so guten, ach so lieben Reformer und braven Linksliberalen – auf Kosten der bösen Systemüberwinder – zu preisen und mit der Kamera allerlei Unsinn anstellen zu lassen (Großaufnahme blutroter Fingernägel, die eine Zigarette halten: keß, nicht wahr, die Frau Junglehrerin?), statt die Statements, in üblicher Art, zu verschnipseln, hätte man besser daran getan, ein Konzept zu entwickeln, dieses Konzept den Lehrern zur Diskussion vorzulegen, es bestätigen oder durch die Praxis widerlegen zu lassen, um dann, in einem dritten Arbeitsgang, die Argumente der Lehrer ihrerseits als diskussionswürdig, offen und weiteren Nachfragens bedürftig zu charakterisieren.

Ihr sagt, hessische Lehrer, es sei euer Ziel, die Schüler zur Kritikfähigkeit zu erziehen – aber was heißt: Kritikfähigkeit? Ist das, ohne nähere Bestimmung, nicht eine Leerformel wie Glauben oder politisches Bewußtsein? Ihr redet von der Benachteiligung der Arbeiterkinder – wie ist sie aufhebbar? Ihr sprecht über die Studentenrevolution wie über ein Ereignis aus dem Geschichtsbuch – wirkt sie nicht weiter?

Ich denke, wer sich, seinen Beruf, seine Institution und – ein wenig – die Gesellschaft in Frage stellt, in der wir leben, hat es verdient, seinerseits in Frage gestellt zu werden: würdig, ein kritisierbarer Partner der Zuschauer zu sein... und nicht nur Schnipsel-Lieferant, der, nachdem er das Erwartete abgeliefert hat, mit einem „na bitte, ist er nicht brav, unser kleiner Reformer?“ entlassen wird. Momos