Von Dieter Buhl

Der Verkaufsfahrer einer Münchener Getränkefirma, Herbert N., hatte es eilig. Das Mittagessen wartete. Mit einem großen Ruck zog er die Sackkarre mit den Flaschenkisten rückwärts in den Aufzug. Beim Abwärtsfahren verklemmte sich der Wagen an einem vorbeihuschenden Mauervorsprung. Die Kante der oberen Kiste preßte sich fest auf den Kopf des Fahrers. Hilflos hing er in der Aufzugskabine. Erst nach längerer Zeit konnte Herbert N. schwerverletzt aus seiner Lage befreit werden. Unfallursache: menschliches Versagen.

Als der Richtmeister Franz B. sich umdrehte, sah er plötzlich den Arbeiter Karl H. inmitten eines Lichtbogens. Der Bogen führte von der ungeschützten Freileitung, die die Baustelle am Stadtrand von Hannover überspannte, zum Ausleger des großen Baukrans und vom gerade angehobenen Fuß des Arbeiters bis zum Boden. Karl H. war sofort tot. Die zehn KV-Spannung in der Leitung hatte ihn umgebracht. Ursache des Arbeitsunfalls: menschliches Versagen.

Zufrieden betrachtete der jugoslawische Gastarbeiter Drago S. das Werkstück, das er soeben geschliffen hatte. Nun mußte er es noch vom Schleifstaub reinigen. Beim Hantieren mit dem Putzlappen wurde sein Jackenärmel von der immer noch rotierenden, ungeschützten Schleifscheibe erfaßt. In Blitzesschnelle hatte sie Sehnen und Muskeln seines Unterarmes durchgetrennt. Diagnose des Unfalls: menschliches Versagen.

Das sind drei von etwa zweieinhalb Millionen Arbeitsunfällen, die jährlich in der Bundesrepublik registriert werden. Drei Routineposten in einer Statistik, die trotz ihrer nüchternen Zahlen erschreckt: Alle 13 Sekunden ereignet sich hierzulande ein Arbeitsunfall. Alle sieben Minuten kommt es zu einem schweren Unfall mit Renten folgen. Alle zwei Stunden wird ein Mensch an seinem Arbeitsplatz getötet.

Aber die Unfallawine, die Bundesminister Walter Arendt im vergangenen Monat im Unfallverhütungsbericht der Bundesregierung beschrieb, wird als fast gottgegeben hingenommen. "Höhere Gewalt", "menschliches Versagen" – das sind die stereotypen Formeln, mit denen Hunderttausende von Unfällen erklärt werden. Mit dem gleichen Fatalismus, mit dem die Menschen jahrtausendelang die Gefahren der Natur auf sich nahmen, werden, so scheint es vielfach, heute die Risiken der Arbeitswelt akzeptiert und ihre Opfer als gleichsam unvermeidlich hingenommen.

Der Resignation und der Gleichgültigkeit, vor allem aber der erschreckenden Unkenntnis auf dem Gebiet der Arbeitsunfälle will eine Organisation entgegenwirken, die sich vor kurzem in Dortmund etablierte. Hier, mitten im Herzen der deutschen Arbeitswelt, auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Germania, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Unfallforschung ein provisorisches Domizil gefunden. Im Schatten eines der modernsten deutschen Fördertürme, der vor einigen Jahren zu einem weithin sichtbaren Symbol für die Rationalisierungsbestrebungen im Kohlebergbau wurde und der jetzt für das Bochumer Bergbaumuseum abgetragen wird, will ein Stab von Technikern und Wissenschaftlern versuchen, neue Normen für eine sichere Arbeitswelt zu finden.