Von Heinz Josef Herbort

Wie kommt ein Hesse in den Himmel? Der Schmied Grautemoul aus Waldeck, so weiß man es dort noch ganz genau, verfiel auf folgenden Trick: Als Petrus ihn das erste Mal abgewiesen hatte, schwang sich der Schmied kurzerhand auf eine vorbeipilgernde Nonnenseele, meldete sich an der Himmelspforte als „Soldat zu Pferde“, ward prompt eingelassen, warf drinnen schnell sein Schurzfell auf den Boden, stellte sich drauf und triumphierte: „Nou schmiet mick moal rout, ick stoah upp min’n Eigendum“ ...

*

Woher Sie auch kommen, ob von Norden über die Autobahn Hannover–Göttingen–Kassel oder über die Bundesstraße 27, von Süden aus Richtung Würzburg oder Frankfurt, von Westen durch das Sauerland oder von Osten aus Thüringen (von dort kommt heute seltener einer), ob Sie mit dem Wagen kommen oder mit der Bahn, mit dem Schiff die Weser aufwärts, oder ob Sie mit dem Flugzeug drüber wegfliegen: das erste, was Sie von Kurhessen und Waldeck sehen, ist immer irgendein Hügel mit einer Burgruine. Und so fühlen sich die Menschen hier – zumindest einige, die von Berufs wegen fühlen müssen – ein bißchen verwandt mit denen an der Loire. „Natürlich“, sagen sie, „haben die Schlösser an der Loire ein paar Sterne mehr im Guide Michelin. Wir liegen eben immer in der Mitte ...“

*

Es gibt immer wieder die berühmten zwei Möglichkeiten. Wenn Sie von Kassel die Bundesstraße 7 in Richtung Südosten fahren, über Oberkaufungen, Helsa, Fürstenhagen, Hessisch Lichtenau, hinter Walberg dann nach links abbiegen Richtung Velmeden und dort wieder nach rechts Richtung Hausen, weiter den Meißner hinauf bis zum ersten Parkplatz, dann können Sie zu Fuß erreichen: eine „Kitzkammer“, eine Felshöhle, wo einmal rotflüssiges Magma an die Erdoberfläche trat und zu Basalt erstarrte – aber auch die „Hausener Hute“ (eine „Hute“ ist eine ehemalige Viehweide) mit dem „Balkon des Meißner“ und dem höchstgelegenen Gasthaus Kurhessens; die „Seesteine“, eine bizarre Basaltsteingruppe – aber auch eine Aussichtskanzel, die in eine riesige Buche hineingebaut wurde. Ein paar Kilometer weiter gefahren: die „Stinksteinwand“, wo durch Felsspalten gelegentlich die Dünste von tief im Berg schwelenden Braunkohlenflözen zutage treten – aber auch einen kleinen Bergsee, auf dessen Grund ein Schloß steht, das Schloß der Frau Holle, jener „Huldin, die bald segnend, bald strafend umgeht“ und die, wenn sie ihre Federbetten schüttelt, es immer am Hohen Meißner tut, und wenn Sie am „Goldenen Sonntag“, dem ersten nach Pfingsten, hier sind, können Sie beobachten, wie die jungen Leute, die noch aufs Alte halten, der geheimnisvollen Dame ihre Opfer bringen, und der Vortänzer des Opferzuges darf nicht mit in die Kirche hinein ...

Seit zwei Jahrzehnten karrt ein Reisebüro aus dem Ruhrgebiet omnibusweise Urlauber gen Hessen, vierzehn Tage. Vollpension um die guten zweihundert, zweihundertfünfzig Mark – nun packte es auch einmal seine Vermittler in einen Bus, den Mann vom Zigarrenladen an der Ecke und den Schreibwarenhändler aus dem Vorort, den Inhaber einer Lotto-Annahmestelle und die blonde Dame aus der Reinigungs-Filiale, um sie durch jene Orte zu kutschieren, deren Namen sie bislang im Grunde nur von den Buchungsformularen kannten. Und da hören sie nun vom Herrn Hauptschulrektor zu farbigen Lichtbildern etwas von den Schönheiten unverfälschter Natur und den Märchen der Gebrüder Grimm, die alle hier ihren Ursprungsort haben, von den vier Farben der Schwälmler Tracht und der ereignisreichen Vita des Grafen Dingsbumskirchen, und die Chefin erhält als Souvenir die silberne Trimm-dich-Nadel im Eichenblatt-Format. Anschließend feiern sie, bei Bier und Klaren und den Walzern eines Akkordeon-Saxophon-Schlagzeug-Trios, einen „Gemütlichen“, wie in Schalke und Sprockhövel. Nur von einem Tisch am Rande stehen sechs, acht junge Leute bald auf und fragen am Kneipeneingang, etwas belustigt und ein bißchen mehr enttäuscht: Gibt’s nicht irgendwo in dieser Gegend einen Beatschuppen? Sie hätten zu weit fahren müssen ...