Mitten im Herzen von Paris hat Frankreich mit seiner neuen Expreß-U-Bahn RER (Reseau Expreß Regional) ein Beispiel gesetzt, das seinen technologischen Fortschritt eindrucksvoll beweist und die vielzitierte Studie des Hudson-Instituts über die großartige wirtschaftliche Zukunft Frankreichs zu bekräftigen scheint. Sie stellt bekanntlich fest, daß dieses reiche Land schon heute wirtschaftlich dynamischer als seine Nachbarn sei und 1985 den heutigen Lebensstandard der Vereinigten Staaten vor Deutschland und Großbritannien erreichen werde. Paris hat eine Attraktion mehr, und jeder Besucher sollte an der Oper in die Station „Auber“ hinuntersteigen, eine unterirdische Stadt in drei bis neun Etagen, Mitte der neuen unterirdischen Transversale, die Paris von West nach Ost verbinden wird. Vorläufig ist es allerdings noch die provisorische Anfangsstation oder Endstation der Expreß-Linie, die in Richtung Etoile, Bois de Boulogne und Neuilly bis St.-Germain-en-Laye führt; erst im Jahr 1977 wird die Verbindung mit der Station „Nation“ in Richtung Osten fertig sein.

Ich habe die neuen U-Bahnen in München, Moskau und Mexico City ausprobiert, aber der unterirdische Bahnhof von „Auber“ (benannt nach dem Komponisten) ist von einer Größe und technischen Perfektion, daß ein Globetrotter das Zittern kriegt und sich fragt, ob wohl alte Leute und Schwache genügend Kraft und Elan haben, sich an diese moderne Supertechnik anzupassen.

Die Station „Auber“, 36 Meter unter der Erde, in deren Tunnelgängen man Entfernungen von vier Kilometer über 73 Rolltreppen, 15 Lifts und vier rollende Gehsteige (trottoirs roulants) zurücklegen kann, erinnert in der zwar wohlproportionierten, aber gigantischen Unübersehbarkeit an den Frankfurter Flughafen. Hier wie dort gibt es als Informationshilfe Piktogramme, Symbole, um nicht nur Passagieren mit nichteuropäischen Idiomen und Schreibweisen, vielmehr allen, Besuchern und Parisern, einfach und schnell die notwendigen Orientierungen zu geben. In Mexiko wandte man zuerst solche sprechenden Zeichen an, um den Analphabeten zu helfen. Wie in den Flughäfen legt man auch in dieser neuen Pariser U-Bahnstation lange. Fußmärsche zurück, während die eigentliche Reise im nu beendet ist, bei einer Geschwindigkeit der RER von 100 km in der Stunde. 50 000 Passagiere können in diesem unterirdischen Bahnhof in einer Stunde nach allen Richtungen abgefertigt werden, mit Verbindungen zu sechs Metro-Linien und 20 Autobus-Linien, 800 Personen in der Minute.

Spaß machen die großen Fahrkarten-Automaten an den Eingängen zur RER. Man drückt einen Knopf, der das gewünschte Ziel anzeigt, man wählt mit einem anderen Knopfdruck die 1. oder 2. Klasse, eine einfache oder eine Wochenkarte und wirft jedes Centimestück ein, das man zur Hand hat, auch einen Franc oder fünf. Wenn’s nicht reicht, befiehlt ein Leuchtzeichen: Zahlen Sie noch mehr. Man kann schon mit zehn Centimes beliebig auf Knöpfe drücken und sehen wie die Maschine leuchtet und arbeitet wie in einer Spielhalle. Nur kann man hier kein Geld gewinnen.

Was einem nicht gesagt wird, kann hinterher lästig werden. Um auf die Bahnsteige der Expreß-Bahn zu gelangen, muß man die Billets an den „Startboxen“, vollautomatischen Sperren (10 bis 20 in einer Reihe), in einen saugenden Schlitz stecken. Einen halben Meter weiter springen sie kontrolliert zur Weiterfahrt heraus oder aber ein Stab sperrt die Passage und ein grünes Leuchtzeichen leuchtet auf: Falsch. Sie können nicht passieren. Dreimal versuchte ich es, immer wieder vergebens. Die Fahrkarte war gültig. Was war falsch? Die Billets müssen für diese Kontrolle en bon etat (in gutem Zustand) sein, sie dürfen nicht zerknittert und zerissen sein. Ich hatte sie bei diesen aufregenden Untersuchungen der technischen Wunder der RER offensichtlich zu kräftig in der Hand gedrückt.

Noch ist das alles so neu, so überdimensional, so ungewohnt, so perfekt, daß man sich erst anpassen muß und das Informationssystem mangelhaft findet. Hier und da in den langen unterirdischen Gängen, die sich immer wieder zu Plattformen, Galerien und „Sälen“ mit neuen Aufgängen und Abfahrten mit Lifts und Rolltreppen erweitern, drängten sich vor den alten Stadtplänen mit der neu eingezeichneten Superbahn ratlos die Leute und fragten sich untereinander mehr, als sie wußten. Wandte man sich aber zurück und wollte an den Ausgangspunkt zurückkehren, fand man die Gänge mit roten Zeichen gesperrt „Passage interdit“. Kein Rückzug also. Man muß Autofahrer sein oder hier erst Verkehrsunterricht nehmen, um all die Zeichen respektieren zu können. Der Bauer vom Lande, wenn es so einen noch gibt, oder der Tourist aus einem entlegenen Teil Afrikas oder auch nur aus dem Bayerischen Wald oder aus Hamburg wird Platzangst bekommen. Die utopische unterirdische Welt aus Cocteaus Film „Orphée“ ist Wirklichkeit geworden.

Hat er es aber geschafft, der arme Tourist vom Dorf, und ist er bis zum RER-Bahnsteig vorgedrungen, dann empfängt ihn gedämpfte Sphärenmusik. Hallen und Waggons sind angenehm proportioniert, froh die Farben. Leise, schwebend, gut belüftet gleitet die Bahn aus der Halle und schießt davon. Wer je in der klapprigen, rappelnden, tosenden New Yorker U-Bahn unterwegs war und vom Lärm fast zersägt sein Ziel erreichte, wird den technischen Fortschritt preisen und die Pariser beglückwünschen. Sie kamen schon mit ihrer Metro im Jahre 1900 spät – schon 1863 hatte London seine U-Bahn, im Jahre 1868 New York und 1875 Berlin –,die Franzosen begannen auch nach diesem Zweiten Weltkrieg spät die Effektivität ihres technologischen Wissens zu nutzen, nun aber mit Elan und Eleganz. Es zeigt sich wieder einmal, die Letzten werden die Ersten sein.