Sollten Rennstallbesitzer in Verlegenheit sein, welchen Namen sie ihren Pferden geben sollen, so schlage ich „Müller“ vor, meinetwegen auch „Josef“. Dieser Vorschlag kam mir sofort in den Sinn, als ich hörte, daß Madame Germaine Wertheimer ihr Pferd „Talleyrand“ binnen Monatsfrist umtaufen muß, weil die Nachkommen des französischen Staatsmannes gleichen Namens, nämlich Madame Felicie de Talleyrand-Perigord und ihr Sohn Manuel, sie verklagt und den Prozeß gewonnen haben. Außerdem verfügte das Gericht, Madame Wertheimer müsse den Talleyrands für die erlittene Beleidigung einen Schadensersatz von 10 000 Francs, etwa 6500 Mark, zahlen.

Wie ich die Müllers kenne, würden sich die meisten geehrt fühlen, hieße ein Rennpferd. so wie sie, oder sie würden jedenfalls nicht gleich für die stolze Summe von 6500 Mark beleidigt sein, sondern es viel, viel billiger machen.

Je länger ich über den Urteilsspruch nachdenke, desto mehr bedauere ich, daß Pferde nicht sprechen können. Sonst wäre es wohl eher möglich, daß sich die Sache umgekehrt abgespielt hätte: Das Pferd, das auf dem Parcours nach dem Fachvokabular nicht rennt, sondern läuft, hätte Mut gefaßt und wäre zum Richter gerannt, um von der Schmach, Talleyrand zu heißen, erlöst zu werden.

Während es für einen Staatsmann auf den Kopf ankommt – in dieser Hinsicht war Talleyrand in Ordnung –, kommt es bei Rennpferden auf die Beine an. Man weiß aber, daß Talleyrand infolge Nachlässigkeit jenes Ehepaares, zu dem seine leichtsinnigen Eltern das Baby in Pflege gegeben hatten, sich eine Verletzung zuzog, die in einen Klumpfuß ausartete. Klein Talleyrand fiel vom Tisch, wurde nicht ordentlich gepflegt und mußte ein Leben lang hinken. Man stelle sich vor, das wäre einem Vollblut-Pferd passiert.

Man wird aus alledem ersehen, daß mir der Prozeß und der Urteilsspruch des Pariser Richters ganz und gar nicht gefällt. Wenn sich der Richter schon nicht in die Seele des Pferdes versetzen konnte, so hätte er doch daran denken können, daß auch manche. Menschen Namen tragen, die auf ihre Mitmenschen anstößig wirken. Wenigstens auf einige. Probleme der Namensgebung rührt man besser gar nicht erst an.

Bei uns im Dorf Thimory gibt es ein Bistrot, in dem man nicht nur Brot und Wein, sondern auch harte Getränke, und Tabakwaren erhält. Die Inhaberin, eine sehr sympathische Witwe, trägt den Namen Madame Jesus. Ihre Kneipe liegt allerdings genau gegenüber der Kirche.

Wenn der Urteilsspruch aus Paris nun allgemein bekannt würde, so könnte es ja sein, daß der Herr Pfarrer oder die Herren Bischöfe von Orleans und Bourges oder sogar der Heilige Vatei in Rom zum Richter. stürzten, damit er der Kneipenwirtin und ihrem kleinen Sohn den Namen verböte. Daß derartige Prozesse möglich sind, das ist nun einmal ein verwirrender Tatbestand. Ob man will oder nicht: Man wird nervös und läßt sich unter Umständen zu Schritten verleiten, die man hinterher bereut.

Sitze ich nämlich in unserem einsamen, stillen Haus, konzentriert auf Geschriebenes oder zu Schreibendes, dann passiert es, daß ich plötzlich hochfahren muß: Den Gemeindeweg entlang donnert ein kleines, krachendes, heulendes Motorrad, von der Sorte, die wir im Rheinland „Hermännchen“ nannten. Ich ahne Schlimmes und schreie laut: „Was ist denn das schon wieder?“ Die Antwort macht mir dann klar, daß ich damit rechnen muß, in zehn Minuten den gleichen Krach zu hören: „Das Jesus-Kind auf seinem ‚Hermännchen‘ macht die Runde.“ Dann spüre ich, wie schwer es heutzutage manchmal ist, ein Christ zu sein.