Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Langsam nur kommt in Gang, was seit der Unterzeichnung des Grundvertrages am 21. Dezember als vereinbart gilt: die Akkreditierung westdeutscher Journalisten in der DDR. Bisher wurden in Ost-Berlin 18 Anträge von Zeitungen, Zeitschriften und Sendeanstalten für die Zulassung von 23 Korrespondenten und zwei Technikern gestellt. Drei dieser Anträge wurden bislang positiv entschieden: die der Deutschen Presseagentur (dpa), der Frankfurter Rundschau und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Die Süddeutsche Zeitung sowie die Sendeanstalten ARD und ZDF erhielten einen Zwischenbescheid, daß ihr Antrag bearbeitet werde. Die übrigen Antragsteller warten noch auf ein Zeichen aus Ost-Berlin.

Während in Bonn bereits seit längerer Zeit vier Korrespondenten aus der DDR arbeiten, werden wohl noch Wochen vergehen, ehe die ersten westdeutschen Journalisten in der DDR offiziell arbeiten können. Noch nicht einmal die Deutsche Presseagentur oder die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ können einen Termin nennen, zu dem sie ihr Büro in Ost-Berlin eröffnen werden. Zu viele Fragen sind noch ungeklärt.

Da ist zunächst die Grundsatzfrage, ob die DDR alle Anträge genehmigen wird oder ob sie sich eine Begrenzung und Auswahl der Journalisten vorbehält, die in ihrem Land arbeiten dürfen. In einem Kommentar des SED-Blattes Neues Deutschland hieß es dieser Tage, „Natürlich werden bei uns auch Publikationsorgane der BRD und ihre Korrespondenten akkreditiert werden“, aber, versteht sich, „unter Beachtung der Gegenseitigkeit“. Prinzip der Gegenseitigkeit wollte die DDR zunächst so verstanden wissen, daß, wenn die DDR mit ihrem zentralisierten Presseapparat nicht mehr als vier Korrespondenten in Bonn benötigt, die Bundesrepublik sich dann ebenfalls mit einer so bescheidenen Zahl begnügen müsse. Aber das war offenbar das Mindestangebot zu Beginn des journalistenpokers.

Nach mehreren Gesprächen zwischen Bonn und Ost-Berlin, in die sich auch Bahr und Kohl einschalteten, ist jetzt von einem Dutzend Journalisten die Rede. Anscheinend sind dabei komplizierte Regeln zu beachten. So sollen – wie in Ost-Berlin zu hören ist – unter den auswärtigen Journalisten die westlichen Korrespondenten nicht das Übergewicht gewinnen; außerdem soll die Zahl aller auswärtigen Korrespondenten in Ost-Berlin angeblich nicht höher werden als die Zahl der Auslandskorrespondenten in Moskau, der Metropole der östlichen Welt.

Wenn solche Proporzprobleme erst einmal gelöst sind, dann ist immer noch offen, was sich westdeutsche Journalisten in der DDR erlauben dürfen und was nicht. In dem Briefwechsel zum Grundvertrag haben Bahr und Kohl für die Journalisten „das Recht auf gleiche Behandlung wie Korrespondenten anderer Staaten“ zugesichert. Das sieht nach Gleichberechtigung aus, ist aber eher das Gegenteil. In der Bundesrepublik haben auch ausländische Journalisten völlige Freizügigkeit: Sie können reisen, wohin sie wollen, sprechen, mit wem sie wollen, Interviews machen, richtige oder falsche, wohlwollende oder gehässige Artikel schreiben – dieses Recht steht nun auch den DDR-Reportern zu. In der DDR bleibt alles kanalisiert.