Die chilenische Opposition hat am vergangenen Sonntag die Wahlen gewonnen und steht doch als Verlierer da. An dieser paradoxen Situation trägt sie selber die Hauptschuld. Zu oft und zu laut hatten Oppositionspolitiker die Wahlen als Plebiszit über „Chiles Weg zum Sozialismus“ ausgegeben und damit den Eindruck erweckt, als stünde das Präsidentenamt zur Entscheidung und nicht 150 Abgeordnetensitze und die Hälfte der 50 Senatoren. Das Scherbengericht fand jedenfalls nicht statt.

Vielmehr verbesserte die regierende Volksfront ihren Stimmenanteil von 36,3 Prozent, mit denen Präsident Salvador Allende im September 1970 gewählt wurde, auf 43,5 Prozent. Im Abgeordnetenhaus gewann sie sechs Sitze, im Senat zwei Mandate dazu. Für die Opposition ist es kein Trost, daß der verstärkte Zuspruch für das sozialistische Experiment auf die Stimmen der erstmals wahlberechtigten Jugendlichen und Analphabeten zurückzuführen ist. Schließlich sind die Jungen und die sozial Unterprivilegierten eine Kraft, die auch die nächsten Wahlen mitentscheiden werden.

Die politische Lage in Chile ist nun verworrener denn je. Die Opposition hat die angestrebte Zweidrittelmehrheit verfehlt, mit der sie Allende aus dem Amt hätte drängen können. Sie hat aber die absolute Mehrheit behalten, mit der sie die Sozialisierungspraxis zumindest verzögern kann. Auf der anderen Seite muß die Volksfront eingestehen, daß trotz des Zuwachses mehr als die Hälfte aller Chilenen gegen das Experiment Allende gestimmt haben.

Das gefährliche Patt besteht also weiter. Wenn die Eskalation der Emotionen enden soll, müssen beide Seiten einen Kompromiß finden. Die Volksfront sollte dazu den Anstoß geben. Denn ihre Gewinne waren unerwartet und groß genug, um ohne Gesichtsverlust einlenken zu können. H. B.