Wenn Schrecken, der „mit rücksichtsloser Genauigkeit“ festgehalten ist, überhaupt noch irgendeine Reaktion provoziert, so halte ich das für eine positive Wirkung. Wer ist denn, gerade unter Angehörigen unserer Generation, angesichts des alltäglichen zivilen und militärischen Massensterbens noch imstande zu erfassen, was Schrecken heißt?

Ist es wirklich eine Alternative, Völkerverständigung zu betreiben, indem man alle Brücken hinter sich abbricht, nur ein Gegenwartsimage entwirft? Wenn Thomas Mösler schreibt, seine englischen Freunde seien über Dachau schockiert gewesen – vielleicht hätte ein nicht entschuldigend gemeinter Verweis auf den Burenkrieg zu einem fruchtbaren Gespräch geführt.

Ist es nicht sinnvoller, sich auf dieser Ebene näherzukommen, Gemeinsamkeiten, gleich welchen Vorzeichens, festzustellen, um erst dadurch eine Basis des gegenseitigen Verstehens zu schaffen? Um eine Metapher Thomas Möslers zu benutzen: Es ist immer noch besser, manchmal alte Wunden aufzureißen, bis sie endgültig verheilt sind, als sie mit einem Wust von Pflastern zu verdecken.

Weniger eine Frage des Gegenstands als des journalistischen Stils ist das Problem der Berichterstattung über Rauschmittel, oft auch eine Frage der formalen Gestaltung dieser Berichterstattung: Farbenschwelgerei in Anti-LSD-Filmen oder orientalisch wirkende Überschrifttypen in einem Illustriertenartikel über Haschisch zeigen, daß verantwortungslose Autoren, Kameraleute oder Layouter die Problematik nicht auf ihren Informationsgehalt reduziert haben, sondern die Darstellung der furchtbaren Rauschgiftfolgen geradezu ästhetisieren.

Möglicherweise verbinden sie damit die untadelige Absicht, zur Auseinandersetzung mit dem Problem zu animieren, eine Hör- oder Sehmotivation zu erzeugen. Daß jedoch die meisten Jugendlichen durch den täglichen Massenmedien-Einfluß dazu neigen, Form und Inhalt zu identifizieren – diese Erkenntnis der Werbepsychologie scheint vielen Journalisten unbekannt zu sein.

Sie sollten wissen, daß sie nicht reine Informationsempfänger ansprechen, sondern Konsumenten auch gedruckter, vertonter oder gefilmter Wirklichkeit. Totschweigen – das wäre nur eine Alternative, wenn die Publizistik außerstande wäre, sich selbst im Zaum zu halten und den eitlen Exhibitionismus mancher Reporter an der Drogenfront durch journalistisches Engagement zu ersetzen.

Nur auf Grund breiter Informationen läßt sich arbeiten, sprechen, lassen sich Versuche unternehmen. Auch wenn man glaubt, Realität durch Ignorieren bekämpfen zu können, und das Totschweigen für legitim hält: die Kadaver würde man auch dadurch nicht los.

Eckhart Pohl, 20 Jahre