Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Volksfront in Italien? Das Fragezeichen hinter diese Formel hat der kommunistische Parteichef Berlinguer selber vor einem Jahr beim KPI-Parteitag gesetzt, als er zugleich einen „neuen Inhalt“ für eine Verständigung, der Linksparteien verlangte; Kommunisten und Sozialisten haben zwar in Italien – wie in Frankreich – rund vierzig Prozent der Wähler hinter sich, aber die KPI ist (mit 30 Prozent) um die Hälfte stärker, die PSI (mit 10 Prozent) um die Hälfte schwächer als die französische Schwesterpartei.

Schwerer jedoch wiegt in Italien die Existenz der „Democrazia Cristiana“, der großen katholischen Volkspartei, die zwar für sich allein ebenso vieler Stimmen sicher sein kann wie eine vereinigte Linke, die aber – zerfasert in linke und rechte Fraktionen – unentwegt mit sich selber hadert. Vor allem diesem Zustand der Christdemokraten ist es zuzuschreiben, daß die beiden marxistischen Linksparteien Italiens in den letzten zwanzig Jahren eigentlich stets mehr den Anschluß an die katholische Linke gesucht haben als ihre gegenseitige Annäherung.

Als Anfang 1972 die sozialistisch-christdemokratische Regierungskoalition der „linken Mitte“ nach einem Jahrzehnt schwieriger Vernunftehe zerbrach, konnte es scheinen, als sei nun ein weiterer Linksruck der PSI, in die Arme der Kommunisten, unaufhaltsam, zumal sich die KPI unter der Führung Berlinguers demokratisch weiter gemausert hatte, wenn auch nur langsam. Eben diese Scheu der Kommunisten, ihr Bekenntnis zum Parteienpluralismus und zur Unabhängigkeit von Moskau konsequent glaubhaft zu machen, anderseits das Unbehagen, mit dem ein großer Teil der Christdemokraten, nicht nur der Linken, die Balancekünste ihres (rechts von der Mitte abgestützten) Regierungschefs Andreotti betrachtet – all das bewog die Sozialisten der PSI schließlich, den Dialog mit den Christdemokraten einer Aktionseinheit mit den Kommunisten vorzuziehen.

Pietro Nenni, der große alte Mann der PSI, dessen Volksfrontbegeisterung ihm einst den Stalinpreis, beschert hatte, gehört heute zu den entschiedensten Verfechtern dieser Linie: „Es gibt keinen anderen Weg. Das Zentralproblem bleibt die Zusammenarbeit von Sozialisten und – in der DC organisierten – Katholiken.“ Ziel ist die Wiederherstellung einer – man sagt: besseren – „linken Mitte“, einer Regierungsmehrheit, die nicht mehr wie die Andreottis auf die konservativ gestimmten Liberalen und schon gar nicht auf augenzwinkernde Nachsicht der Neofaschisten angewiesen wäre, die deshalb einen wirksamen Reformkurs steuern und so den Druck der Gewerkschaften auf das labile Wirtschafts- und Sozialgefüge Italiens mildern könnte.

Beim Parteitag der DC im Mai sollen die Weichen in diese Richtung gestellt werden. So möchten es nicht nur die Sozialisten, sondern auch jene christdemokratischen Spitzenfunktionäre, die schon lange ihre politischen Messer gegen die Koalition ihres Parteifreundes Andreotti wetzen.