Von Victoria Wocker

London gehört uns“ – dieser Schlachtruf soll die Bürger der einwohnerreichsten Stadt Europas am 1. April in kampfbereiten Scharen auf dem Trafalgar Square versammeln. Das Datum kam nicht von ungefähr zustande: Am 12. April wird der Greater London Council, der Londoner Stadtrat, neu gewählt, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß die sich ständig zuspitzende Auseinandersetzung um die Zukunft der Stadt London im Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielen wird.

Initiator der geplanten Demonstration ist die „Covent Garden Community Association“, eine Bürgerinitiative, die sich Anfang 1971 gebildet hat, um den Stadtteil Covent Garden, das letzte unversehrte Idyll im Herzen Londons, vor den brutalen Umbauplänen der Stadtväter zu schützen. Die Mitglieder der Association haben gerade jetzt einigen Grund, neue Hoffnung zu schöpfen; denn der englische Umweltminister Geoffrey Rippon hat im vergangenen Monat seine Entscheidung über die vom städtischen Planungskomitee vorgelegten Entwürfe getroffen.

Dabei mußte sich der Minister bei seiner Rettungsaktion – die denn auch skeptisch gewertet werden muß – sehr vorsichtig gebärden. Eine formelle Ablehnung der Entwürfe hätte das Prestige der konservativen Parteifreunde, die im Stadtrat die Mehrheit haben und sie natürlich auch behalten wollen, empfindlich verletzt, eine Befürwortung den ohnehin starken Druck der öffentlichen Meinung verstärkt: beides im Wahlkampf nicht tunlich. Sein Ausweg aus diesem Dilemma wurde von der „Sunday Times“ mit der Schlagzeile umschrieben: „Rippons große Entscheidung: Ja – aber Nein“. Das Ministerium erklärte sich zwar mit dem generellen Konzept einer Gesamtneuplanung nach dem für 1974 vorgesehenen Umzug des Großmarktes aufs linke Themse-Ufer einverstanden, verwarf aber zugleich fast alle in dem Plan enthaltenen Vorschläge. Schnellstraßen mit hochgebauten Fußgängerwegen, Hotels für fünftausend Touristen, ein Kongreßzentrum mit über viertausend Sitzen und ähnliche zweifelhafte Herrlichkeiten wurden abgelehnt. Die Liste historisch interessanter oder architektonisch wertvoller Bauten, vom Planungskomitee auf 82 festgesetzt, wurde vom Ministerium um 250 Gebäude erweitert.

Covent Garden – für die meisten Touristen Kulisse zu „My Fair Lady“ alias „Pygmalion“, 1. Akt, 1. Szene: für die Londoner rund hundert Morgen Innenstadt zwischen Strand und Britischem Museum, Charing Cross Road und Aldwych – ist im Bewußtsein der Londoner mehr noch als Piccadilly Circus zum Symbol für den Kampf gegen die Zerstörung des alten London geworden. Und dieses Bewußtsein selbst hat sich in den letzten Jahren stark verändert. In dem ausgezeichneten Londonführer der Semi-Untergrundzeitschrift „Time Out“ wird dieser Trend so beschrieben:

„Hätte man vor zehn Jahren dem Durchschnitts-Londoner angekündigt, man werde ihm eine Straße durch den Vorgarten legen, so wäre er wahrscheinlich mit einem resignierten ‚das ist nun mal der Fortschritt‘ zur Tagesordnung übergegangen. Heute aber werden selbst eingefleischte Fatalisten oder devote Anhänger der freien Marktwirtschaft zu reißenden Tigern, wenn man ihre Umwelt antastet. Londons Planer und ihre Herren und Meister, die Politiker, müssen dieser Tage ständig scheue Blicke über die Schulter werfen, denn von hinten hagelt es Ziegelsteine...“

Noch nie sind so viele dieser Ziegelsteine geflogen wie im Fall Covent Garden, und wie man sieht, haben sie ihr Ziel nicht ganz verfehlt. Vom bitterbösen Slogan der Community Association – „Adolf Hitler hat Covent Garden nicht zerstört, dann soll es auch dem Stadtrat nicht gelingen“ – bis zu Rücktritten empörter Mitglieder des Planungsausschusses, denen die Entwürfe zu destruktiv erschienen, blieb den Verfechtern des Umbaus nichts erspart.