„Wurstelprater“, von Felix Saiten. Ein „Bilderbuch mit Prater-Nostalgie“, keine Fälschung und keine Verulkung, sondern eine ehrliche Kopie: die „Photomechanische Wiedergabe nach der im Verlag Brüder Rosenbaum, Wien-Leipzig, im Jahre 1911 erschienenen Ausgabe“. Der Autor Felix Saiten (1869 bis 1945), der nicht nur das Tierchen „Bambi“ in die Welt gesetzt hat, sondern wahrscheinlich auch die „Josefine Mutzenbacher“, zeigt sich hier als Meister einer mittlerweile abgestorbenen Form, als schmerzvoll lächelnder Spaziergänger, als Feuilleton-Mensch, der den eigenen Weitblick und seine persönliche Empfindsamkeit an einer schäbigen, eng begrenzten Welt erprobt. Saiten wendet sein Interesse, seine Unterscheidungsfreude noch dem müdesten der Gaukler und dem lästigsten der Randalierer zu und dem tapferen Ausrufer erst recht: „In allen seinen Reden merkt man die Anläufe, die er einmal genommen haben muß, aber man merkt auch, wie er sich fallen ließ, wie er sich mit den Rudimenten begnügte.“ Die Photos, die von Dr. Emil Mayer stammen, haben fast noch mehr als Saltens Worte von der alten Vorstadtschwermut konserviert. „Die Dienstmädchen schieben ihre Kinderwagen“ und „die Dirnen eilen“ – der Faksimile-Band ist ja als Transportmittel in die Vergangenheit gedacht. Auch wenn die „Haupt- und Gallavorstellung“ uns, „die vereahten Herrschaften“ heute zu Hause, über unsere Bildschirme erreicht – der Geist von damals ist noch lange nicht dahin: „Das soll eigentlich Thalia sein, aber damit es die Leut’ verstehen, sag’n wir immer Loreley.“ (Verlag Fritz Molden, Wien/München/Zürich; 127 S., 75 Abb., 24,– DM.)

Christa Rotzoll

„Unterwegs und wieder daheim“, von Theodor Fontane. Die letzte Abteilung der Nymphenburger Fontane-Ausgabe wächst sich immer mehr zu einer Großedition aus, die auch das letzte und entlegenste Zeugnis Fontanescher Vielseitigkeit und Produktivität zutage fördert. Und das mit Recht, denn groß ist der Mann noch im kleinsten Feuilleton. Da ihm alle Unarten einer flinken Schreibe abgehen, kann die Sammlung seiner Reiseberichte geradezu als Lehrbeispiel des Journalismus benutzt werden. Sein Blick für das Wesentliche und Charakteristische wird auch durch die Rücksicht auf Zeitungen oder Zeitschriften, für die er schrieb, nicht getrübt. Es handelt sich zum Teil um umfangreiche Essays, über die Art zu reisen, über die Bewohner des schottischen Hochlands, zum Teil um kurze Notizen, wie über einen Mord in London, bei dem weder Opfer noch Mörder zu ermitteln sind. Vieles von den Eindrücken, die Fontane auf seinen Reisen und Wanderungen sammelte, ist in sein Werk eingeflossen, daher ist der Journalist vom Erzähler nicht zu trennen. Die ursprünglich auf den Zyklus „Von, vor und nach der Reise“ und die Berichte aus England, Dänemark, Deutschland und die Schweiz gegründete Sammlung, für die innerhalb des Fontane-Kollektivs Jutta Neuendorff-Fürstenau verantwortlich zeichnet, erweiterte sich während der Arbeit um fast das Doppelte an Korrespondenzen und mußte wegen des umfangreichen Anmerkungsteils in zwei durchnumerierte Halbbände gegliedert werden. (Sämtliche Werke Band XVIII-XVIIIa; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 1212 S., Subskr.-Preis 76,– DM, später 90,– DM.)

Martin Gregor-Dellin