Um den innerdeutschen Handel steht es derzeit nicht besonders gut: Während die DDR ihren Handel mit anderen westlichen Ländern im letzten Jahr merklich gesteigert hat, stagniert der Warenaustausch zwischen der Bundesrepublik und der DDR.

Im vergangenen Jahr ist der gesamte Handel zwischen beiden Teilen Deutschlands nur um zwei Prozent auf 5,36 Milliarden Verrechnungseinheiten gewachsen. Eine Verrechnungseinheit (VE) entspricht einer Mark-West, da der innerdeutsche Handel zu westdeutschen Preisen abgerechnet wird. Die Verrechnung von Lieferungen und Bezügen erfolgt über besondere Konten bei der Bundesbank und der Staatsbank der DDR.

Die Lieferungen der Bundesrepublik sind im letzten Jahr noch um 12 Prozent auf 2,96 Milliarden VE gestiegen. Dagegen nahmen die Lieferungen der DDR schon seit dem zweiten Halbjahr 1970 nicht mehr zu. Im vergangenen Jahr sind sie sogar um sieben Prozent auf 2,4 Milliarden VE zurückgegangen.

Die Zunahme der Lieferungen in die DDR betraf vor allem Konsumgüter. Die DDR kaufte unter anderem mehr landwirtschaftliche Erzeugnisse, mehr Textilien und Bekleidung und auch mehr Erzeugnisse der chemischen Industrie. So haben sich allein ihre Einkäufe von Schuhen 1972 auf rund 60 Millionen VE verdreifacht. Dagegen, sind die Käufe der DDR bei Investitionsgütern um ein Prozent zurückgegangen und bei Eisen und Stahl sogar um 24 Prozent auf 254 Millionen VE.

Bei den Bezügen der Bundesrepublik nahmen lediglich Erzeugnisse der Landwirtschaft zu. Die Käufe der Bundesrepublik von Waren des Maschinenbaus und der Elektrotechnik sanken um 22 Prozent auf 203 Millionen VE. Als eine der Ursachen hierfür wird von Kaufleuten genannt, daß die DDR häufig nicht imstande ist, langfristige Lieferzusagen zu machen. Vielmehr versuchen die DDR-Kaufleute nicht selten, derartige Investitionsgüter kurzfristig „über den Ladentisch“ zu verkaufen, wenn die westdeutschen Abnehmer schon anderweitig disponiert haben.

Das Ungleichgewicht zwischen Lieferungen und Bezügen stellt die weitere Entwicklung des innerdeutschen Handels vor erhebliche Probleme. Die Verbindlichkeiten der DDR sind jetzt auf 2,3 Milliarden Mark gestiegen; ihnen stehen nur westdeutsche Verbindlichkeiten von 0,5 Milliarden Mark gegenüber. Der Passivsaldo der DDR beläuft sich damit jetzt auf 1,8 Milliarden VE gegenüber nur 1,4 Milliarden vor einem Jahr. Der zinslose Verrechnungskredit (Swing) von derzeit 620 Millionen, den sich die Zentralbanken beider Handelspartner einräumen, ist derzeit von der DDR zu rund 90 Prozent ausgenutzt. Die restlichen 1,2 Milliarden VE, die die DDR in Anspruch nimmt, sind kurz-, mittel- und langfristige Lieferantenkredite, die größtenteils im nächsten Jahr fällig werden.

Auf der Leipziger Frühjahrsmesse, die am kommenden Sonntag: eröffnet wird, werden westdeutsche Kaufleute und Beamte des Wirtschaftsministeriums wissen wollen, wie sich die DDR die Begleichung ihrer Verbindlichkeiten vorstellt. Wenn dies nicht wenigstens teilweise durch Barzahlung geschieht, wird die DDR ihre Bezüge aus der Bundesrepublik in diesem Jahr erheblich einschränken müssen. jn