Nach der ersten Runde: Die Gaullisten buhlen um die Gunst der Reformatoren

Von Ernst Weisenfeld

Paris, im März

So unsicher auch das Resultat der zweiten Runde bei den französischen Parlamentswahlen noch ist, eines läßt sich an Hand der Ergebnisse des ersten Wahlganges ablesen: das Kräfteverhältnis zwischen den „Erben des Gaullismus“ und ihren Widersachern wird sich deutlich verschieben.

Das wird sich vor allem auch auf das Zusammenspiel der staatlichen Institutionen auswirken. Das Parlament wird, weil es der Regierung nun eher unangenehme Überraschungen bereiten kann, an Gewicht gewinnen; davon wird auch sein Gesprächspartner profitieren: die Regierung, vor allem der Premierminister. Falls das geschwächte gaullistische Regierungslager auf die Unterstützung der „Reformatoren“ Lecanuets und Servan-Schreibers angewiesen ist, wird dafür ein Preis zu zahlen sein. Dieen Forderungen dieser Politiker sind: mehr europäische Gemeinsamkeit und weniger Aufwand für die „Force de Frappe“, die eigene Atomstreitmacht, oder für Prestigeobjekte wie die „Concorde“.

Zusicherungen für die Europapolitik kann Pompidou leicht geben; soweit haben sich die Kräfte sogar innerhalb des Regierungslagers verschoben. Mit der „Force de Frappe“ indessen muß er vorsichtiger umgehen; aber allein die sozialen und die budgetären Schwierigkeiten werden ihn zu Einschränkungen zwingen.

Die Chancen für einen Wahlsieg der Linken sind nicht sehr groß, aber auch noch nicht völlig dahin. Die taktischen Manöver der Regierung, die den zweiten Wahlgang einleiten, sollen in Grenzen gehalten werden. Aber für die Reaktion der Wähler auf die Absprachen zwischen Parteiapparaten gibt es nur Wahrscheinlichkeitsrechnungen, keine Gewißheiten.