London, im März

Die Regierungschefs in London und Dublin werden gewöhnlich um ihr Vorrecht beneidet, das Datum für Parlamentswahlen fast nach Gutdünken bestimmen zu können, sofern sie schon vor Ende der Legislaturperiode eine Chance wittern, das Rennen von neuem zu wagen. Aber schon zweimal in drei Jahren wurde diese Waffe zum Bumerang: Nach Harold Wilson im Juni 1970 hat sich nun auch Jack Lynch verrechnet. Für ihn schien alles klar zu sein: Nachwahlen hatten seine Popularität bestätigt, seine Politik in der Ulster-Frage schien Zustimmung zu finden, und das Fehlen einer Parlamentsmehrheit gab auch einen plausiblen Grund für vorzeitige Neuwahlen.

Aber sechzehn Jahre ununterbrochener Herrschaft der Fianna-Fail-Partei schienen den Wählern genug zu sein. Die Nordirland-Frage spielte in der zweiten Hälfte des kurzen Wahlkampfs nicht mehr jene Rolle, die Lynch ihr zugedacht hatte. Preise und Arbeitsplätze sind den irischen Wählern wichtiger geworden als die Wiedervereinigung der Insel. Es mag damit zusammenhängen, daß die Iren hinter all den unsinnigen Aktionen der Terroristen in Ulster eine entscheidende Wende; wittern, die sich auch durch eine zunehmende britische Nordirland-Müdigkeit ankündigt.

Zum drittenmal seit Gründung der Republik versuchen nun zwei Parteien, die normalerweise politisch voneinander weit entfernt angesiedelt sind, die Vorrangstellung der Fianna Fall zu beenden. Liam Cosgrave, der neue Premierminister, hat für seine Koalitionsregierung keine große Mehrheit. Von einem Unabhängigen unterstützt, kann er 74 Abgeordnete gegen die 69 des gestürzten Lynch aufbieten. Es ist eine Koalition gegen die stärkste Partei. Aber das irische Verhältniswahlrecht hat nie großzügige Majoritäten erlaubt.

Cosgrave, Führer der Fine-Gael-Partei, Jahrgang 1922, also fünf Jahre jünger als sein Vorgänger, unterscheidet sich von ihm sicher am wenigsten, was die Dubliner Nordpolitik angeht. Die beiden Politiker haben nahezu identische Forderungen gestellt, die das britische Ulster-Weißbuch erfüllen muß, wenn es südirische Billigung erhalten soll: Beteiligung der Minderheit an der Machtausübung, keine Wiederkehr der alten Sicherheitsorgane am Ende der britischen Direktherrschaft, gesamtirischer Rat. Lynch plante eine Reise zu Heath für Mitte März, um noch vor der Veröffentlichung des Weißbuchs die Politik abzustimmen. Cosgrave hat die gleiche Absicht, eine Absprache mit Lynch ist bereits arrangiert. Auch an diesem Verfahren spürt man, wie unkontrovers das Ulster-Problem den Dubliner Politikern neuerdings erscheint. Denkbar ist sogar eine irische Dreierdelegation bei den Londoner Gesprächen: Cosgrave und sein Koalitionspartner Brendan Corish (Labour Party) sowie Jack Lynch für die Opposition.

Auch in der Europapolitik stehen mit dem Dubliner Machtwechsel keine Änderungen bevor. Es gibt allerdings in der neuen Koalition Stimmen, die den Dubliner Nordirland-Wünschen noch einen hinzufügen: der Austausch der britischen Armee in Ulster mit einer europäischen Streitmacht. Die Prominenz in Dublin winkt freilich ab. Ulster sei nicht der Kongo, die EWG keine UN.

Die Cosgrave-Corish-Koalition, die am 14. März ins Amt eingeführt wird, steht und fällt also mit ihren innen- und sozialpolitischen Versprechen. Wie im nachbarlichen England geh es dabei um die Mehrwertsteuer, um Preise, fehlende Wohnungen und höhere Produktivität Cosgrave ist ein ruhiger Mann, Anwalt wie sein Vorgänger, aber noch nüchterner als Lynch. Dieser muß sich nun nach seiner Niederlage überlegen, ob er bei seiner Weigerung bleibt, im Mai Nachfolger des scheidenden Präsidenten de Valeri zu werden. Karl-Heinz Wocker