Am Sonntagmorgen, kurz nach sieben Uhr, trugen die Terroristen drei zugedeckte Bahren aus der Residenz des saudiarabischen Botschafters in Khartum. Rings um das Gelände – es liegt in einem staubigen, baumlosen Vorort der sudanesischen Hauptstadt – war Militär in Stellung gegangen. Von den Dächern der Häuser beobachteten Journalisten, wie acht Mitglieder der Terrorgruppe „Schwarzer September“ und ihre Opfer in Militärfahrzeugen abtransportiert wurden. Nach sechzig Stunden hatten die palästinensischen Terroristen die Waffen gestreckt.

Das Drama hatte am Donnerstagabend voriger Woche begonnen. Khartum bereitete sich auf die Feiern zum ersten Jahrestag des beendeten Bürgerkrieges vor. Kurz vor 7 Uhr fuhr Präsident Numeiri im offenen Wagen an der saudiarabischen Botschaft vorbei – auf dem Weg zu dem festlichen Diner, das er für Äthiopiens Kaiser Haile Selassie und andere prominente Staatsgäste gab. In der Residenz des saudischen Botschafters Abdullah el Mahruk trafen sich die Diplomaten zu einer Abschiedsparty für den Geschäftsträger der Vereinigten Staaten, George Curtis Moore.

Um sieben Uhr, die ersten Gäste wollten gerade aufbrechen, fuhr ein Landrover vor dem unbewachten Hause vor. Maskierte Männer stürmten die Residenz und schossen mit Maschinenpistolen um sich. Der belgische Geschäftsträger Guy Eid wurde am Bein getroffen. Einige Diplomaten entkamen. Der französische Botschafter flüchtete über die Gartenmauer an der Rückseite.

Im Haus trieben die Terroristen ihre Gefangenen zusammen. Der japanische Geschäftsträger Shigero Nomoto berichtete: „Als die Guerillas in das Zimmer stürmten, in dem ich mich mit anderen Diplomaten unterhielt, flüchteten der amerikanische Botschafter, einige andere Diplomaten und ich selbst sofort in eine Toilette, wurden aber bald entdeckt und in das Zimmer zurückgebracht. Vor meinen Augen fesselten die Guerillas den amerikanischen Botschafter Noel und den Geschäftsträger Moore sehr fest mit Stricken, die sie mitgebracht hatten, und prügelten und traten ihre Opfer erbarmungslos.“

In der Haupthalle wurden die Gefangenen selektiert. Dem spanischen Geschäftsträger wurde erklärt, sein Land verfolge eine freundliche Politik gegenüber den Arabern; er durfte gehen. Der sowjetische Botschafter wurde ohne weitere Umstände durch die Hintertür hinauskomplimentiert; auch der Algerier und der Libanese durften die Residenz verlassen. Dem Japaner Nomoto wurde vorgehalten, daß sich seine Regierung nicht für den japanischen Attentäter von Lod einsetze, der sich in einem israelischen Gefängnis befindet. Nomoto, so berichtete ein Augenzeuge, saß aufrecht, die Arme vor der Brust gekreuzt, auf einem Sofa und weigerte sich, auch nur ein Wort zu sagen. Er wurde nach einigen Stunden entlassen.

Zurück blieben die beiden Amerikaner, der verwundete Belgier, der jordanische Geschäftsträger und die Gastgeber: der saudiarabische Botschafter und seine Frau. Der deutsche Botschafter war ebenfalls zu dem Empfang eingeladen worden, hatte sich aber entschuldigt, weil Karl Moersch, der Parlamentarische Staatssekretär im Auswärtigen Amt, zu offiziellen Gesprächen in Khartum eingetroffen war.

Die Attacke der Guerillas war sorgfältig geplant worden. Ihr Ziel war es zum einen, die Schlappe von Bangkok auszuwetzen. Dort war im Dezember letzten Jahres ein Unternehmen gegen die israelische Mission kläglich gescheitert. Zum andern – und das war wohl das Hauptziel – wollte das Kommando Jordaniens König Hussein unter Druck setzen. Hussein sollte gezwungen werden, den Fatah-Führer Abu Daoud freizulassen, der im Februar in Amman mit seinem Kommando gefangengenommen worden war. El Fatah ist eine Gruppe innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), allerdings die größte und einflußreichste. Außerdem sollte König Hussein den Oberst Hindawi freilassen, einen jordanischen Offizier, der im November einen Staatsstreich gegen den Monarchen versucht hatte. Ferner sollten 60 andere in Jordanien festgesetzte Fatah-Guerillas auf freien Fuß gesetzt werden.