/ Von Kai D. Eichstädt

Wer ein Lunchpaket mit zur Arbeit nahm, galt als Optimist; Pessimist wurde genannt, wer sein Auto mit laufendem Motor auf dem Parkplatz stehenließ. Grund für diesen Sarkasmus: Vor drei Jahren entließ die Boeing Company von heute auf morgen etwa 64 000 ihrer rund 100 000 Arbeiter und Angestellten. Seattle im US-Staat Washington wurde über Nacht zur Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote Amerikas; am Stadtausgang wurde ein Schild aufgestellt: „Wer als letzter Seattle verläßt, soll nicht vergessen, das Licht auszuknipsen.“

Seattle ist von seinem wichtigsten Steuerzahler und Arbeitgeber ebenso abhängig, wie dieser von seinem bisher einseitigen Produktionsprogramm: Selbstbewußt nennt Boeing sich den wichtigsten Flugzeug-Lieferanten der westlichen Welt. Knapp die Hälfte aller Zivil-Jets trägt den Namen des deutschstämmigen William E. Boeing, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Seattle sein erstes Flugzeug zusammenbaute.

Tatsächlich gelang es Boeing immer, zum richtigen Zeitpunkt das richtige Flugzeug anzubieten: Seine Erfolgsmodelle mit den Typenbezeichnungen 707, 720, 727 und 737 wurden insgesamt knapp 3000mal verkauft. Den absoluten Rekord stellte die dreistrahlige Boeing 727 auf, die mehr als l000mal gebaut wurde und als meistgekaufter Jet die internationale Hitliste anführt.

Doch der Übergang ins Jumbo-Zeitalter ging nicht reibungslos über die Bühne: Die Boeing 747 war zu groß und kam zu früh auf den Markt. Nachdem die ersten Maschinen ausgeliefert waren, blieben weitere Bestellungen aus. Die größte Fabrikhalle der Welt, die eigens für die Jumbo-Montage erbaut wurde, blieb leer. Hinzu kam, daß die amerikanischen Umweltschützer den Kampf gegen das Überschallflugzeug Boeing 2007 gewannen. Boeing mußte das Projekt einstellen und hatte nach diesen Rückschlägen zu wenig Arbeit. Kurzerhand wurde deshalb 64 000 Mitarbeitern gekündigt.