Der Schock blieb nicht ohne Wirkung auf die stolzen Boeing-Manager: Zerknirscht mußten sie eingestehen, sich verkalkuliert zu haben. Aber sie hatten auch ein Rezept parat, damit sich ein ähnliches Desaster in Zukunft nicht wiederholen sollte. Sie verkündeten, daß die Boeing Company spätestens 1982 rund 25 Prozent ihres Umsatzes (1971 lag er bei drei Milliarden Dollar) in Branden erwirtschaften würden, die mit Flugzeugen nichts zu tun haben. Eine Betriebsberatungsgesellschaft wurde beauftragt, derartige Beschäftigungszweige aufzuspüren. Die Ratgeber warteten mit einer Reihe Vorschlägen auf, und Boeing entschied sich für Diversifikation.

So startete Boeing eine Werbekampagne und bat in mehrseitigen Anzeigen: "Senden Sie uns Ihren Müll." Die Betriebsberater hatten unter den Liegenschaften ihres Auftraggebers ein 400 Millionen Quadratmeter großes Grundstück Wüste entdeckt. Die Wüste, im US-Staat Oregon gelegen, war vor zehn Jahren auf 77 Jahre vom Staat gepachtet worden und sollte als Testgelände für Raketen und Düsentriebwerke ausgebaut werden. Doch Boeing zog vor, seine Raketen im Süden der Staaten zu testen, das Stück Wüste blieb ungenutzt, obwohl 1,5 Millionen Dollar investiert worden waren.

Der Werbeaufruf sollte nun auf neue Aktivitäten der Raketenbauer hinweisen. Boeing ließ auf dem Sandboden Müll abladen, pflügte ihn unter und bewässerte das ganze. Erfolg: Der Abfall im Sandboden sorgte dafür, daß sich die Feuchtigkeit besser im Boden hielt. Inzwischen ist man so weit, die ehemalige Wüste Stück für Stück zu bepflanzen: Alfaalfa, eine Luzernenart, soll als Futterpflanze für japanisches Vieh aus dem kargen Boden sprießen.

Aber Boeing ging nicht nur in die Wüste. Unter der Verantwortlichkeit der Aerospace. Group, die bislang nur für das Geschäft mit militärischen und zivilen Raketenprojekten zuständig war (Flugzeugbau und -verkauf obliegt der Commercial Airplane Group), wurde in den letzten drei Jahren eine Palette neuer Aktivitäten entwickelt. Sie reicht vom Bau extrem kleiner elektronischer Schaltungen bis zur Konstruktion von Elementhäusern und superschnellen Tragflügelbooten.

Die Manager von Boeing verkaufen aber auch ihr Know-how im Umgang modernster Computer. Als dritter selbständiger Geschäftsbereich der Boeing. Company wurde die Boeing Computer Services, INC, gegründet. Neben der betriebsinternen Datenverarbeitung für alle drei Boeing-Geschäftsbereiche arbeitet der Computer-Service für öffentliche und private Auftraggeber. Dabei konnten die Flugzeugkonstrukteure attraktive Kunden aquirieren: So läßt beispielsweise die amerikanische Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency) bei Boeing rechnen.

Freilich, die publikumswirksamsten Projekte liegen auf anderen Gebieten. So erregte die Ernennung Boeings zum Projekt-Manager eines futuristischen Nahverkehrsmittels Aufsehen: Das amerikanische Department of Transportation beauftragte die Flugzeugbauer damit, der Universitätsstadt Morgantown in West-Virginia ein neuartiges innerstädtisches Verkehrsmittel zu entwerfen. In Zukunft werden elektronisch gesteuerte Wagen auf einer Hochbahn die drei Universitätsviertel miteinander verbinden. Boeing baut für das Personal-rapid-transit-System (PRT) die Fahrzeuge.

Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" analysierte die Strategie des Boeing-Managements: Auf Grund der jahrelangen Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggebern erarbeitete das Unternehmen auch seine Diversifikationspläne mit dem Blick auf mögliche öffentliche Auftraggeber aus. Der Trick zog: Neben dem PRT-Projekt von Morgantown konnte Boeing weitere staatliche Auftraggeber für neue Pläne gewinnen.