• Für das Department of Housing and Urban Development (Ministerium für Wohnen und Stadtentwicklung) entwickelte Boeing neue Fertighäuser. Unter der Projektbezeichnung "Operation Breakthrough" arbeiten acht amerikanische Gesellschaften an einer Lösung des Wohnungsproblems. Ihre Aufgabenstellung: Billige, leicht zu bauende aber menschenwürdige Häuser sollen in Elementbauweise erstellt werden können. Die Boeing-Entscheidung, an diesem Projekt mitzuarbeiten, kam nicht von ungefähr. In der Vergangenheit hatte die US-Regierung erhebliche Summen für dieses Sozial-Programm ausgegeben.
  • Mit der Umweltschutzbehörde arbeitet Boeing an einem Computer-Programm, mit dessen Hilfe die Probleme der Verunreinigung amerikanischer Gewässer gelöst werden sollen.
  • Die größten Hoffnungen schöpfen Boeings Bosse jedoch aus einem Auftrag des Verteidigungsministeriums: In Seattle werden zwei neuartige Tragflügel-Schnellboote für die US-Navy gebaut. An diesem Projekt arbeitet Boeing allerdings nicht erst seit der großen Flaute im Luftfahrtgeschäft. Bereits 1967 lief bei Boeing das erste Versuchsboote vom Typ "Tucumcari" von Stapel. Doch was damals mehr als Nebenbeschäftigung betrachtet wurde, haben die Diversifikations-Experten jetzt als zukunftsträchtiges Projekt erkannt: Auf der Basis des Schnellboots, das von einer neuartigen Wasserturbine angetrieben wird, hat Boeing in den letzten beiden Jahren ein Zivil-Projekt entwickelt. Im vergangenen Jahr genehmigte der Aufsichtsrat das "Jetfoil"-Programm. Unter diesem Namen sollen Tragflügelboote gebaut werden, die mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h bis zu 250 Passagiere transportieren können. Mit dem neuen Boot scheint Boeing tatsächlich eine Marktlücke getroffen zu haben: Europäische und asiatische Reeder haben "Jetfoils" in Amerika bestellt. In Zukunft wird man mit Booten von Boeing über den Ärmelkanal kreuzen, aber auch von Hongkong nach Macao fahren können.
  • Weitere Projekte: Auf den Virgin Islands produziert eine Wassergewinnungsanlage Süßwasser – Boeing war mit von der Partie gewesen, als diese Anlage entwickelt wurde. Für kapitalschwache Flughäfen bietet Boeing ein preiswertes Instrument Landing System (ILS) an. In der texanischen Stadt Abilene sind die Polizeifahrzeuge mit einer elektronischen Anlage ausgerüstet, die garantiert, daß Funkgespräche mit der Zentrale nicht abgehört werden können. Hersteller des "Voice Scramblers": Boeing.

Die ersten Erfolge des Diversifikationsprogramms lassen sich bereits im Geschäftsbericht für 1971 ablesen: Während Boeing 1970 bei einem Umsatz von insgesamt 3,67 Milliarden Dollar nur vier Millionen aus Verkäufen in Bereichen erlöste, die weder dem Flugzeug- (ziviler Umsatz 2,9 Milliarden, militärisch 339 Millionen Dollar), noch dem Raketenbau (413 Millionen Dollar) zuzurechnen waren, stieg dieser Betrag 1971 auf 35 Millionen Dollar. Bei einem Umsatz von 3,04 Milliarden Dollar entspricht dies allerdings nur einem Anteil von rund einem Prozent.

Ob Boeing jemals das Ziel erreicht, seine neuen Produktionsbereiche soweit auszubauen, daß sie einmal 25 Prozent des Umsatzes ausmachen, ist fraglich. Das Nachrichtenmagazin "Time" beispielsweise mutmaßt, Boeing könne an seinen neuen Aktivitäten schon bald wieder die Lust verlieren. Denn wenn sich Boeings Pläne erfüllen, müßten 1982 rund 1,5 Milliarden Dollar aus Verkäufen von Häusern, Tragflügelbooten und Computerprogrammen erlöst werden. Für die Flugzeug-Experten ist das ein mühsames Unterfangen. Könnten sie stattdessen die Nachfrage nach neuen Jets anheizen, wäre das Umsatzziel schneller zu erreichen.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: In den letzten Monaten konnte Boeing neue Aufträge für seine bewährten Jets verbuchen. Gleichzeitig plant Boeing aber auch den Bau einer neuen Flugzeuggeneration, Unter der Projektbezeichnung 7x7 wird ein neuer Jet konstruiert, über den man sich bereits Wunderdinge erzählt. Wichtigstes Merkmal: Die 7x7 soll wirtschaftlicher und leiser fliegen als seine Vorgänger. Und auch auf dem Arbeitsmarkt sieht es wieder besser aus: Nachdem Ende 1971 bei Boeing etwa 38 000 Mitarbeiter beschäftigt waren, sind es inzwischen wieder 45 000 und weitere 7000 sollen in diesem Jahr eingestellt werden.