Von Rudolf Herlt

Brüssel, im März

Erst am nächsten Montag wird die Welt wissen, mit welchen Waffen die Finanzminister aus den neun Ländern der Europäischen Gemeinschaft mit den Dollar-Krisen fertig werden wollen. Vorher wissen auch die Minister selbst es nicht. Zu ihrer letzten Ratssitzung im Brüsseler Charlemagne sind sie alle mit viel gutem Willen, aber ohne realisierbare Pläne gekommen, auf die sich alle hätten einigen können. Der schwersten und bisher letzten Runde der hartnäckigen Dollar-Krise hatten sie nichts entgegenzusetzen als den Befehl zum Schließen der Devisenbörsen und drei weitere Konferenzen.

Als Valéry Giscard d’Estaing, der französische Wirtschafts- und Finanzminister, am vergangenen Sonntagnachmittag vor dem Konferenzgebäude eintraf, konnten ihm die Journalisten nur einen Satz entlocken. „Ich habe einen Vorschlag zu machen“, sagte er lächelnd und löste sich mit verbindlicher Gebärde, freies Geleit heischend, aus dem Knäuel von Menschenleibern, Mikrophonen, Kabelschnüren und Filmkameras.

Seinen Kollegen gegenüber, im Konferenzsaal, wurde er deutlicher: „An den Paritäten finde ich zur Zeit nichts falsch. Sie sind ja erst vor vierzehn Tagen neu geregelt worden. Es ist das Währungssystem, das uns zu schaffen macht.“ Vor allem den Amerikanern müßte vor einer Entscheidung über die Haltung der Gemeinschaft noch einmal deutlich gemacht werden, daß Europa von ihnen einen Beitrag zur Verteidigung des Dollars erwartet. Französische Auffassung sei es daher, die „wichtigsten betroffenen Staaten“, die USA und Japan, zu einem Treffen der Gemeinschaft nach Paris einzuladen.

Giscard sprach als fünfter. Seine Kollegen hatten mit französischer Verzögerungstaktik gerechnet. Doch die elegante Art, mit der er die Entscheidung des Ministerrats bis über den zweiten Wahlgang der Wahlen zur französischen Nationalversammlung hinauszuschieben verstand, nötigte ihnen Bewunderung ab. Jedermann begriff die objektiven Schwierigkeiten der französischen Regierung, vor dem nächsten Sonntag Bindungen einzugehen. Niemand konnte indes auch die Nützlichkeit eines Treffens mit den Amerikanern und Japanern bestreiten.

Der Rat machte sich die französischen Argumente rasch zu eigen. Im Schlußkommuniqué hieß es, „daß der Ausbruch der Krise nicht durch die derzeitigen Kursrelationen zwischen den wichtigsten Währungen begründet ist, sondern spekulatives Mißtrauen als Ursache hat“. Wahrscheinlich hätte kein Minister den ersten Halbsatz auf seinen Eid nehmen mögen, auch Giscard nicht – sonst brauchte Frankreich keine Angst vor einer Freigabe des Franc-Kurses zu haben; aber traurig war über die Galgenfrist niemand.