Heizt Nachgiebigkeit bei den Lohnverhandlungen die Inflation wieder an?

Seit Monaten macht den amerikanischen Hausfrauen der wöchentliche Weg in den Supermarkt keine Freude mehr. Von Woche zu Woche nämlich müssen sie für den gleichen Warenkorb mehr Geld auf den Tisch legen. Der fleischfreie Tag, den einige hohe Regierungsbeamte empfehlen, ist für viele Familien mit knappem Budget ohnehin schon zur Notwendigkeit geworden. Und Präsident Nixons Rat, doch auf Fisch, Käse und Eier umzusteigen, ist angesichts der stolzen Preise für diese Produkte ebenfalls kein Ausweg.

Amtliche Nachrichten und offizielle Prognosen der Fachleute im Lebenskostenausschuß, im Schatzamt und im Landwirtschaftsministerium lindern keineswegs den Ärger der geplagten Hausfrauen. Im Januar stiegen die Einzelhandelspreise für Lebensmittel um 2,7 Prozent. Das bedeutet, daß der Vater einer vierköpfigen Familie das Haushaltsgeld für Januar um 37 Dollar aufstocken mußte, um seinen Lebensstandard zu halten. Dabei hatte sich der – statistische – Lebensmittelkorb 1972 bereits um 102 Dollar verteuert.

In den kommenden Monaten wird sich der Preisanstieg eher noch beschleunigen, da auf der Großhandelsebene die Preise für Fleisch und andere landwirtschaftliche Produkte seit Monaten mit besorgniserregender Geschwindigkeit steigen. Der Landwirtschaftsexperte John Schnittker, rechnet sogar damit, daß die Nahrungsmittelpreise in diesem Jahr um mindestens sechs Prozent anziehen werden.

Doch der Preisanstieg könnte sogar noch beträchtlich darüber liegen: Die Weizenlager sind weltweit so abgebaut, daß die Mißernten in einigen Ländern – wie dies 1972 der Fall war – zu einer Preiskatastrophe führen muß. Im letzten Jahr konnten die Ernteausfälle in der Sowjetunion, Indien und China nur durch die umfangreichen Weizen- und Futtermittellieferungen der amerikanischen Landwirtschaft ausgeglichen werden. Doch jetzt sind die Lager weitgehend leer.

Die amerikanische Handelsbilanz profitierte zwar von diesen Exporten. Und auch die Einkommen der amerikanischen Bauern erhöhten sich. Doch die Verbraucher, so ein Kongreßabgeordneter, mußten die Zeche der Russen und Chinesen zahlen.

Die amerikanische Landwirtschaftspolitik ist allerdings nicht schuldlos an dieser Entwicklung. Die amerikanische Regierung reagierte – vermutlich wegen der anstehenden Wahl – viel zu spät auf die bereits im Sommer letzten Jahres erkennbare Verknappung des Angebots. Das Landwirtschaftsministerium, dessen primäres Interesse in der Erhöhung landwirtschaftlichen Einkommens liegt, empfahl zum Beispiel noch in diesem Januar, die Truthahnzucht nicht zu rasch auszudehnen, um die Preise nicht zu „verderben“.