Vielleicht kommt jetzt endlich – wenngleich mit zehnjähriger Verspätung – für die Bundesrepublik ein besseres Arzneimittelgesetz

Heute besteht in der Bundesrepublik noch keine ausreichende Arzneimittelsicherheit“, gab Katharina Focke am Dienstag voriger Woche vor der Presse in Bonn unumwunden zu. Darum sähe sie in der Reform des Arzneimittelgesetzes die „dringendste Aufgabe“ ihres Ministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit. Hier hat die oberste Gesundheitshüterin in unserem Lande eine unmißverständliche Priorität gesetzt. Damit steht sie jetzt im Wort.

Frau Focke ist nicht die erste Ministerin, die uns eine Novelle zu dem in der Tat gefährlich unzureichenden Gesetz in Aussicht gestellt hat, das die Überwachung des Marktes mit Tropfen, Pillen und Tabletten und die Zulassung neuer Medikamente regelt. Zuletzt hatte die resolute Käte Strobel einen solchen Reformvorschlag vorgelegt, aber er fiel der vorzeitigen Auflösung der Regierung zum Opfer. Rückblickend betrachtet, ist dies wahrscheinlich gut so gewesen, denn aus den Andeutungen der neuen Gesundheitsministerin darüber, wie sie ihre dringendste Aufgabe zu lösen gedenkt, geht hervor, daß sie sehr viel weiter zu gehen beabsichtigt als ihre Vorgängerin.

Alle Arzneimittel, die neu auf den Markt gebracht werden sollen, also nicht nur solche, die bislang unbekannte Wirkstoffe enthalten, dürfen nach den neuen Reformplänen nur dann zugelassen werden, wenn für sie der wissenschaftliche Nachweis erbracht worden ist, daß sie keine vermeidbaren schädlichen Nebenwirkungen hervorrufen und daß sie tatsächlich die Heilwirkung besitzen, die vom Hersteller behauptet wird.

Mehr noch: Auch die schon im Handel befind-, lichen Medikamente sollen nach und nach solcher strengen Prüfung unterzogen und, sofern sie diese nicht bestehen, vom Markt verbannt werden. So hofft man im Bonner Ministerium den deutschen Arzneimitteldschungel etwas lichten zu können. Jedenfalls ist zu hoffen, daß in absehbarer Zeit die unzähligen Präparate verschwinden, die Ärzten oder Patienten lauthals als heilkräftig angepriesen werden, in Wahrheit aber nur Geld kosten, sonst nichts.

Ob Vitamin E wirklich die ihm nachgesagten wunderbaren Aufbaukräfte verleiht oder die vielen vom Bundesgesundheitsamt zugelassenen Aphrodisiaka die Liebeslust zu steigern vermögen, ob Procain tatsächlich den Alterungsprozeß aufhält, ob Leberpillen überhaupt einen Einfluß auf die Leber haben, ob Penicillin-Lutschbonbons gegen Halsentzündungen oder Kastanienextrakte gegen Krampfadern wirksam sind, – all dies würde sich, wenn der Wunsch der Dreifachministerin Wirklichkeit werden sollte, herausstellen. Und die Ärzte würden sicher sein können, daß die Medikamente, die sie Kranken verschreiben, diesen auch helfen.

Schließlich soll verfügt werden, daß Arzneimittel, die im Ausland entwickelt worden sind, nur dann in der Bundesrepublik registriert werden dürfen, wenn sie in ihrem Ursprungsland bereits zum Markt zugelassen sind. Eine solche Bestimmung hätte uns zum Beispiel vor dem Menocil-Skandal bewahrt. (Menocil, ein in den USA entwickelter, dort jedoch behördlich nicht zugelassener Appetitzügler mußte bei uns nach zwei Jahren vom Markt genommen werden, weil das Präparat im dringenden Verdacht steht, den zum Siechtum führenden Lungenhochdruck hervorgerufen zu haben.)