Von Nina Grunenberg

In Jamaica hatte ich zum erstenmal in meinem Leben ein Hausmädchen. Es war schwarz mit feuchten. braunen Augen und großen weißen Zähnen und schien direkt aus Onkel Toms Hütte entlaufen zu sein. Es gehörte zum Personal des Sans Souci-Hotels in Ocho Rios an der Nordküste Jamaicas. Jeden Morgen schlich sie auf Zehenspitzen in mein Apartment, zog die Vorhänge auf, machte in der Küche das Frühstück und brachte mir den Kaffee auf die Terrasse, die hoch über der Karibischen See lag.

Ich hätte die Dienste des Mädchens noch ausführlicher in Anspruch nehmen können, denn es ist im Mietpreis des Apartments inbegriffen (ab 49 Dollar pro Tag ohne Mahlzeiten, Mindestaufenthalt fünf Tage). Gästen, die abends nicht in das Restaurant des Hotels gehen wollen, wird als besonderer Spaß empfohlen, mit ihrem Mädchen auf den Markt der Einheimischen zu gehen und sich das Dinner von ihm zubereiten zu lassen. In der Küche meines Apartments war dafür alles vorhanden – vom automatischen Büchsenöffner bis zur Tiefkühltruhe. Doch ich genierte mich ein bißchen, um so etwas zu bitten.

Der Service im Sans Souci war wirklich fabelhaft. Nach zwei Tagen wurde man von nichts mehr belastet. Man dämmerte in der feuchten Wärme am Pool vor sich hin, auf Luxusliegen im Palmenschatten, und stand nur auf, um ins badewannenwarme Wasser zu gehen, süß im Pool und salzig in der Karibik. Vielleicht machte man anschließend noch den Umweg an dem künstlich angelegten Teich vorbei, um der schwimmenden Riesenschildkröte zuzusehen, die dort langsam durchs Wasser pflügte. Nun manchmal, in der Dämmerung, wenn es kühler wurde und das tropische Klima nicht mehr benommen machte, fragte ich mich, wie es dazu kommt, daß man offenbar immer dort die luxuriösesten Ferien verbringen kann, wo gleichzeitig die größte Armut herrscht.

Jamaica ist die drittgrößte Insel der großen Antillen und liegt 150 Kilometer südlich von Kuba; 190 Kilometer östlich von ihr liegt Haiti: für europäische Verhältnisse alles ein wenig exzentrisch. Von Hamburg aus per Linienflug über Frankfurt mit Umsteigen in New York muß man gute fünfzehn Stunden bis zur Ankunft in Kingston rechnen, der Hauptstadt der Insel. Dennoch hoffen die Jamaicaner, daß ihr bisher hauptsächlich mit wohlhabenden Amerikanern gemachtes Touristengeschäft auf die Europäer ausgeweitet werden kann und daß sie davon auch einmal selber etwas haben. Jamaica ist zwar seit 1962 keine britische Kolonie mehr, aber Herr ihrer Insel sind die Jamaicaner noch lange nicht.

Bananen und Kokosnüsse

Manchmal fragt man sich, ob ihnen überhaupt etwas gehört. Ihre Bauxitvorkommen, werden von den Kanadiern und Amerikanern ausgebeutet, Die Jamaicaner haben lediglich einen gewissen Anteil am Gewinn. Seit England zur EWG gehört, hängen die Jamaicaner mit ihren Bananen und Kokosnüssen nur noch von der United Fruits Company ab: Sie stellt die Schiffe für den Transport zur Verfügung, am Bestimmungsort die Lagerräume zum Reifen der Früchte. Und eine ganze Reihe von Plantagen auf Jamaica gehört ihr auch schon. Auch hier bleibt den Jamaicanern nur, ein paar Jobs, wie Bananenpflücken, zu verrichten; Gewinne haben sie keine.