Ich fühle mich elend. Was ist letzte Nacht passiert? Ich kann mich an nichts erinnern.“ Das sind oft die ersten Gedanken am Morgen nach einer durchzechten Nacht. Besonders treten Gedächtnislücken bei Gewohnheitstrinkern auf. Warum kann ein Trinker sich nicht an das Geschehene erinnern? Warum benimmt er sich so anders wenn er betrunken ist? Warum wird er alkoholsüchtig, wenn ihm der Schnaps doch immer nur neue Schwierigkeiten einbringt? Die Antworten der Wissenschaftler auf diese Fragen waren bisher alles andere als befriedigend.

Der amerikanische Psychologe Donald Overton vom Eastern Pennsylvania Psychiatric Institute in Philadelphia glaubt, daß dem Problem Alkoholismus am ehesten über die Lerntheorie beizukommen ist. Eine seiner hervorstechendsten Thesen: Alkoholiker können nur in betrunkenem Zustand wirkungsvoll mit Psychotherapie behandelt werden.

Die Forschungen, auf denen Overtons Vorschläge aufbauen, begannen 1937, als Edward Girden und E. A. Culler am Brooklyn College in New York das Phänomen der Dissoziation („Doppelbewußtsein“) oder des zustandsabhängigen Lernens entdeckten. Beim Studium konditionierter Beinzuckungen fanden sie heraus, daß Hunden, denen Reflexe unter gleichzeitiger Einwirkung des Nervengiftes Curare beigebracht wurden, diese Reflexe im Normalzustand nicht mehr beherrschten. Umgekehrt beherrschten Hunde, die unter Gifteinwirkung konditioniert worden waren, den Reflex wieder, wenn ihnen Curare gegeben wurde. Ohne das Gift reagierten sie nicht auf den Reiz.

Die Forscher folgerten, daß das normale Verhalten der Hunde grundsätzlich getrennt sein muß vom Verhalten unter Curare-Einfluß – das heißt, daß bei ihnen etwas Erlerntes nicht von einem Zustand auf den anderen übertragbar ist. Girden und Cullers Experimente wurden in der Folge nicht weiterverfolgt – wahrscheinlich weil das verwendete Curare, Erythroidin, sehr ungewöhnlich war. Erst Donald Overton begann vor zehn Jahren diese Phänomene im Hinblick auf Probleme des Alkoholismus wieder zu studieren.

So stellte er beispielsweise fest, daß sich einige Gewohnheitstrinker nur unter Alkoholeinfluß an Ereignisse erinnern, die sich während vorangegangener Trinkgelage zutrugen. Der Psychologe glaubt, daß dies mit „Rauschgift-Dissoziation“ zu tun hat: Informationen, die im Gedächtnis in betrunkenem Zustand gespeichert werden, können diesem nur wieder in demselben Zustand entzogen werden.

Neue Studien von Donald Goodwin von der Washington University School of Medicine in St. Louis scheinen Overtons Thesen zu unterstützen. Er wies nach, daß Alkohol einen mengenabhängigen Gedächtnisdefekt hervorruft; neue Eindrücke werden nur kurzfristig registriert, aber nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert. Das Augenblicksgedächtnis bleibt intakt, so daß der Berauschte Fragen beantworten und auch Kopf-, rechnen kann. Gedächtnistests zeigten freilich, daß das Geschehen im Umkreis des Trinkers nach zwei bis dreißig Minuten vergessen wird. Das geht oft bis zu totalen Gedächtnis-„blackouts“: weder wichtige noch triviale Ereignisse während des Trinkens bleiben im Gedächtnis haften.

Warum verhalten sich Menschen in berauschtem Zustand so anders, wird meist unter Berufung auf die pharmakologischen Eigenschaften des Alkohols erklärt – etwa seine angstreduzierenden und enthemmenden Eigenschaften. Overton meint, daß auch der dissoziative Effekt eine Rolle spielen könnte. Der Gewohnheitstrinker entwickelt ein ganzes Paket von Verhaltensweisen und Gefühlsreaktionen, die für den betrunkenen Zustand typisch sind. Wenn das Gift in ihm wirkt, ist der Säufer ein anderer Mensch. Erscheinen ihm die Verhaltensweisen unter Alkoholeinfluß wünschenswerter als jene in nüchternem Zustand, so bekommt der Rauschzustand in seinem Bewußsein einen immer höheren Stellenwert. Er wird süchtig nach den Verhaltensweisen unter Alkoholeinfluß.