Eine polnische Stimme über Polens Entwicklung

Von Mieczyslaw F. Rakowski

Mieczyslaw Rakowski ist Chefredakteur der in Warschau erscheinenden Wochenzeitung „Polityka“, Abgeordneter im polnischen Parlament und Mitglied des ZK. Er hat der ZEIT vorgeschlagen, daß jede Zeitung der anderen einmal im Monat die Möglichkeit gibt, beim Nachbarn einen Artikel zu veröffentlichen. Hier schreibt Rakowski zum erstenmal in der ZEIT – Marion Gräfin Dönhoff in der gleichen Woche unter dem Titel „Nur mit Geduld“ über die Schwierigkeiten des Ost-West-Handels in der „Polityka“. Ein solcher Austausch zwischen der Bundesrepublik und Polen findet zum erstenmal statt, es ist leicht einzusehen, daß es vorher auch gar nicht möglich gewesen wäre.

Die einen sagen, Polen sei heute ein Land, das sich seit Dezember 1970 dynamisch entwickelt. Andere legen Nachdruck auf all das, was auf den neuen Stil in der Führung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens hinweist. Noch andere möchten vor allem auf die systematische Hebung des Lebensstandards besonderen Wert legen. Jede dieser Stellungnahmen hat zwar etwas Richtiges an sich, aber keine gibt den Rhythmus wieder, der gegenwärtig für unser Leben so einmalig und charakteristisch ist: Beschleunigten Schrittes!

Es wäre falsch zu behaupten, daß Polen bis zur Dezemberkrise von 1970 auf der Stelle trat oder sogar im Rückzug begriffen war. In vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens war damals das Vorwärtsschreiten ganz sichtbar, es fehlte jedoch nicht an Bereichen, die eindeutige Stagnationserscheinungen aufwiesen. Dies bezieht sich auf sämtliche Probleme, die mit dem Lebensstandard verbunden waren.

Von grundlegender Bedeutung war aber die Tatsache, daß sowohl die quantitative wie auch die qualitative Entwicklung der damaligen polnischen Wirtschaft zu langsam vor sich ging – gemessen daran, daß wir schon eine industrielle Revolution hinter uns hatten und keineswegs zu unterentwickelten Gebieten der Welt gezählt werden konnten; auch daran, wie sich der Durchschnittspole Anno 1970 den Lebensstandard, jegliche Leistungsfähigkeit, Arbeitsproduktivität und so weiter vorstellte; und schließlich an den Erfordernissen, die uns gegenüber von der Außenwelt gestellt wurden.