Der Artikel „Besser totschweigen?“ von Thomas Mösler (ZEIT-Nr. 9/1973) stellt eine unglückliche Verknüpfung von Einzelmeinungen dar und kann auf gefährliche Weise mißdeutet werden. Ein Diskussionsbeitrag sollte sachliche Begründungen enthalten und sich nicht auf persönliche Erfahrungen beschränken. Der Autor spricht von einem „Bombardement von Informationen“, dem wir alle hilflos ausgeliefert seien. Er beklagt die Überbewertung der Auskünfte und Nachrichten.

Als Alternative bietet er uns einen maßvollen Nachrichtenbetrieb an. Er befürchtet, daß der Empfänger durch die „totale Information“ verwirrt und zu einem Fehlverhalten verführt werden könnte. Zu leichtfertig verallgemeinert der Autor und behauptet, alle Gesellschaftsmitglieder seien schutzlos gegenüber den Massenmedien. Damit spricht er seinen Mitbürgern die Fähigkeit ab, Nachrichten verarbeiten zu können. Einige sind tatsächlich nicht in der Lage, den Informationsfluß zu durchschauen. Das heißt aber noch lange nicht, daß hier die Berechtigung für Manipulation liegt. Jedem müssen Möglichkeiten gegeben werden, die komplizierte Situation zu bewältigen. Die These „Weniger Information – mehr Aufklärung“ ist absurd. Man kann das Dilemma nicht lösen, indem die Nachricht verändert oder gar zurückgehalten wird.

Als Beispiel für seine Behauptung führt Thomas Mösler die Anti-Rauschgift-Kampagne an. Durch die „totale Information“ seien zahlreiche nichtsüchtige Jugendliche den Rauschmitteln erst verfallen. Die Auffassung, daß viele Mitbürger durch das „riesige Angebot“ an Informationen neugierig geworden sind, kann der Autor nicht beweisen. Es ist leichtfertig, derartige Thesen einfach in den Raum zu stellen. Ohne Beweis bleibt Thomas Möslers Aussage wertlos. Diese groben Schnitzer erscheinen jedoch unbedeutend angesichts des zweiten von ihm angeführten Beispiels.

Der Autor spielt mit dem Gedanken, Themen wie etwa Dachau totzuschweigen. Er beklagt die offene, brutale Darstellung der unmenschlichen Vorgänge vor nahezu dreißig Jahren. Dabei wird völlig vergessen, wie stark das Bewußtsein der Öffentlichkeit diese Tatsachen schon verdrängt hat. Aber Thomas Mösler würde es wahrscheinlich gern sehen, wenn einige Aspekte weggelassen würden; daß aber dabei stillschweigend die Vergangenheit verleugnet wird, bemerkt der Autor nicht. Wie kann man nur verlangen, daß Inhumanität undeutlicher, verträglicher aufgezeigt wird? Das Vertuschen einer Schuld trägt gewiß nicht zur Völkerverständigung bei.

„Besser totschweigen?“ – der Ton der Frage und des Artikels bagatellisiert das Thema. Hinter dieser unschuldig-naiven Fragestellung verbirgt sich die fragwürdige Meinung, daß dem Informationsempfänger seine angebliche Unmündigkeit durch geschickte Nachrichtenmanipulation nicht zum Schaden gereicht. Oder es handelt sich um einige unüberlegte Äußerungen. Schlimm genug! Philipp v. Randow, 15 Jahre