Von Hans-Hagen Bremer

Auf der kurzen Fahrt vom Flughafen Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, ins Stadtzentrum werden die Dimensionen des Wirtschaftswunders dieses afrikanischen Landes deutlich: Hochhäuser, hupende Autos auf verstopften Schnellstraßen, in den Schaufenstern europäische Waren. In der von der Klimaanlage gespendeten Kühle des Hotels wird endgültig zur Gewißheit, daß die Segnungen der Wohlstandszivilisation vor tropischen Breitengraden nicht haltmachen,. Auf einer künstlichen Eisbahn genießen Afrikaner das Vergnügen des Schlittschuhlaufens.

„Japanische“ Wachstumsraten von durchschnittlich 10,9 Prozent haben die Elfenbeinküste seit 1960 an die Spitze der mit der EWG assoziierten afrikanischen Staaten und Madagaskars katapultiert. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 1200 Mark im Jahr ist die Elfenbeinküste heute nach Gabun das „reichste“ Land der 18 Assoziierten.

Die Gegend von Abidjan übt einen starken Sog aus. Jährlich ziehen rund 50 000 Menschen aus dem Landesinnern oder aus den Nachbarstaaten, auf der Suche nach Arbeit und angelockt von den besseren Verdienstmöglichkeiten, in die bereits jetzt 500 000 Einwohner zählende Stadt. Das Pro-Kopf-Einkommen ist hier zweieinhalbmal so hoch wie im Landesdurchschnitt. Nicht für alle zahlt sich der Zug nach Süden aus. Die Stadt ist dem Ansturm nicht gewachsen. An ihren Rändern entstehen Elendsviertel, Arbeitslose lungern in den Straßen. Diebstahl, Raub und Prostitution sind das andere Gesicht dieser glitzernden Perle an der Lagune.

„Wir nehmen dieses Risiko auf uns“, sagt der stellvertretende Parlamentspräsident, Gbon Coulibaly, „wenn wir nur weitere Fortschritte machen.“ Günstige klimatische Bedingungen, ein ausgebautes Straßennetz und ausländische Hilfe sind die Voraussetzungen. Die Landwirtschaft, mit Ausnahme der Viehzucht, erzeugt heute Nahrungsmittel zur Selbstversorgung für die vier Millionen Einwohner. Darüber hinaus gehen Kaffee, Kakao, Bananen, Ananas und Baumwolle in den Export. Die Regenwälder sind reich an tropischen Hölzern, dem wichtigsten Devisenbringer des Landes neben Kaffee und Kakao.

Um den Senkrechtstart der Elfenbeinküste auszulösen, bedurfte es des Code des investissiments prives, der den ausländischen Kapitalgebern Steuerbefreiungen bis zu zehn Jahren, Kreditvergünstigungen und Zollvorteile gewährt, dazu die unbeschränkte Möglichkeit, Gewinne zu transferieren. „Mit Essig lockt man keine Fliegen an“, kommentiert der Staatssekretär im Finanzministerium, Kone Abdoulay, das wirtschaftspolitische Credo der Regierung.

In den ärmeren Nachbarländern der Elfenbeinküste gibt es noch eine andere Erklärung für das Geheimnis dieser schnellen Wirtschaftsentwicklung. Dort hatte man es dem Präsidenten der Elfenbeinküste, Houphouet-Boigny, lange Zeit verübelt, daß sein Land aus der engen Freundschaft zu Frankreich offenbar ein gutes Geschäft machte, gelegentlich auch zu Lasten der anderen westafrikanischen Länder. „Man’ hat uns vorgeworfen, wir hätten uns verkauft“, meint Abdoulay unter Anspielung auf den früheren Präsidenten von Ghana, Nkrumah, „aber wir haben dabei gewonnen.“