Von Rolf Zundel

Franz Josef Strauß hat ein seltenes Talent, seine Gegner und noch mehr seine Freunde zu verwirren. Er ist sowohl in der Programmatik als auch in der Personalpolitik verblüffender Kursänderungen fähig. Den jüngsten Beweis dafür lieferte er in zwei Interviews – das eine mit dem „stern“, das andere mit dem Deutschlandfunk. Darin brachte er sich als Kandidat für den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ins Gespräch: Er sei bereit, eine Wahl zum Oppositionsführer im Bundestag anzunehmen, wenn „die Zukunft der CDU/CSU, ihre Konsolidierung und ihre Kampfkraft“ dies verlangten.

Ist also der unbändige, nur zeitweise durch die Ungunst der Umstände gezähmte Ehrgeiz von Strauß wieder durchgebrochen? Freunde des CSU-Vorsitzenden und Kenner der Union zweifeln daran. Sie werten seine Erklärung vor allem als eine Kampfansage an Rainer Barzel. Für diese These’spricht viel, unter anderem auch der Zickzackkurs, den Strauß! während der letzten Wochen in der Frage, einer Verfassungsklage wegen des Grundvertrags verfolgt hat. Sinn machte dieses Unternehmen nur als ein Versuch, Barzel in Schwierigkeiten zu bringen und seine Autorität zu unterminieren.

Immerhin, Barzel sieht sich jetzt in den zwei wichtigsten politischen Funktionen durch Rivalen bedroht. Im Oktober wird auf dem Bundesparteitag über den Parteivorsitz entschieden, Barzels Konkurrent, der Ministerpräsident, von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl liegt gut im Rennen. Und im Dezember wählt die CDU/CSU-Fraktion ihren Vorsitzenden; denn Barzel ist: nach der Bundestagswahl nur für ein Jahr in seinem Amt bestätigt worden. Hat aber Strauß wirklich eine ernsthafte Chance, Barzel als Oppositionsführer im Bundestag abzulösen?

Gewiß, der CSU-Chef verfügt über eine beträchtliche Gefolgschaft in der Fraktion. Die meisten CSU-Abgeordneten und ein Teil der konservativen CDU-Abgeordneten könnten sich einen Oppositionsführer Strauß wohl vorstellen. Einer mindestens ebenso starken Gruppe aber ist diese Vorstellung ganz und gar nicht geheuer.

Die Kritiker von Strauß argumentieren, sein Mangel an Selbstdisziplin und Arbeitseifer machten ihn für den Fraktionsvorsitz ziemlich ungeeignet. Sie fürchten außerdem, daß der Bayer als Fraktionsvorsitzender dem Image der Union noch mehr schaden könnte als Barzel. Und vor allem ärgert sie, daß der CSU-Chef im selben Interview, in dem er. sich als Kandidat für den Fraktionsvorsitz anbot, seine öffentlichen Gedankenspielereien über eine vierte Partei – und damit konnte eigentlich nur eine bundesweite CSU gemeint sein – fortgesetzt hat. Soll etwa, so fragen sie, der Fraktionsvorsitz der Preis dafür sein, daß Strauß auf solche Pläne verzichtet?

So recht weiß man in der CSU freilich nicht, wie ernst Strauß, sein Angebot gemeint hat. Wollte er nur Barzel eins auswischen? Oder war sein Vorstoß die Reaktion darauf, daß Goppel nicht zugunsten von Strauß auf den Posten des Münchner Ministerpräsidenten verzichten will? Nur soviel steht fest: Der CSU-Chef hat mit seiner Erklärung die Union noch ein wenig mehr verunsichert. Zwar möchte ein großer Teil der Abgeordneten Barzel am liebsten auch, als Fraktionschef loswerden, aber sie wollen dafür nicht gerade Franz Josef Strauß, eintauschen. Diese Alternative wollen sie nicht; aber gibt es eine andere?

Es scheint, daß sich die Bemühungen um die Reform der Union noch immer weithin in Personalpolitik erschöpfen; Keiner der Kandidaten für die wichtigen Ämter ist bisher mit einem dauerhaften und überzeugenden programmatischen Konzept hervorgetreten. Anstatt eine Grundsatzdebatte zu führen, spielt die Union „Bäumchen, wechsle dich“.