Von Heinz Maegerlein

Der Sport ist eine machtvolle, in den Massen tief eingewurzelte Wirklichkeit unseres Lebens, als Wirklichkeit immer geneigt, zu entarten, als Möglichkeit eine Chance von unübersehbarer Tragweite“. Hans Egon Holthusen, dem wir viele gescheite Gedanken über den modernen Hochleistungssport verdanken, hat mit diesem einen Satz im Grunde alles ausgesagt, was zur gegenwärtigen Situation des Leistungssports zu sagen ist. Abzulesen ist das „Pro und Contra“, das selbstverständlich viele einzelne Aspekte umfaßt, und vor allem nach München eine Fülle von teils fundierten und berechtigten, teils aber auch unglaublich törichten und oberflächlichen Angriffen auf den gesamten Sport gebracht hat, besonders gut am alpinen Skilauf. Auf der einen Seite eine, immer mehr. Menschen ergreifende heitere und gesunde Freizeitbeschäftigung am Wochenende oder im Urlaub, auf der anderen aber, vor allem in den Weltcuprennen auf schnellem Weg zum reinen Zirkus – aus vielerlei Gründen, vor allem auch kommerziellen.

Nehmen wir den Weltcup: Das erste Rennen von insgesamt 24 der Saison 1973/74 wurde am 7. Dezember 1972 in Val d’Isère gestartet, das letzte wird der Slalom beim Weltfinale am 24. März in Heavenly Valley sein. Dreieinhalb Monate einer fast unaufhörlichen Hetze im ewigen Wechsel zwischen unvorstellbar hartem Training und nervenaufreibenden Rennen mit ihrem jeweils großen Risiko.

Reisen von Frankreich nach Italien, von dort nach Österreich und Jugoslawien, in die Bundesrepublik und in die Schweiz, wieder nach Frankreich und wieder nach Österreich, erneut in die Schweiz und Italien, ehe vor einigen Tagen die letzte Phase begonnen hat: eine kleine Weltreise mit Rennen in Kanada (Quebec), Alaska (Anchorage) und Japan (Naeba), ehe dann in den USA, in Heavenly Valley in Kalifornien das Finale endlich einen Schlußpunkt wenigstens hinter den Weltcup setzt. Davor, etwa von Juli bis November, lagen Trainingsaufenthalte auf den Gletschern Europas und in Chile. Nach dem März aber warten auf die Rennläufer noch immer alpine Rennen in Europa, Kanada, in den USA und im Libanon, in Australien und Chile bis – ja bis das intensive Training auf den neuen Winter mit den Weltmeisterschaften, von St. Moritz als Höhepunkt beginnt, und dies alles für weitaus die meisten ohne größere Pause!

Zwei Drittel der Weltcuprennen dieses Winters, d. h. alle Rennen in Europa liegen hinter den 60 weltbesten alpinen Skifahrern, 17 Rennen der Herren und auch 17 der Damen, daran-, ter alle Abfahrtsrennen der gesamten Saison, denn in Kanada, Alaska, Japan und den USA werden nur mehr Riesenslalom- und Slalomkonkurrenzen gefahren, Trotz der erst spät einsetzenden, den letzten vierzehn Tagen aber für die Rennen wieder allzu reichlich einsetzenden Schneefällen konnten alle Rennen bis auf den Riesenslalom in Maribor – der dann in Les Contamines in Frankreich nachgeholt wurde – ausgetragen werden, teilweise freilich nur durch die Mithilfe Von Soldaten, und überall unter ansonsten gar; nicht mehr „modernen“ aufopfernder Tag- und Nachtarbeit der Mitglieder der veranstaltenden Skiklubs.

Wie gut die Strecken, präpariert waren, zeigt ein Blick in die Statistik: Es gab bei jeweils 50 bis 60 Teilnehmern bei mehr als der Hälfte aller Rennen überhaupt keine Verletzungen und bislang in allen Weltcuprennen dieses Winters nur den Ausfall von 9 Rennläufern, was, gemessen an der Unfallquote im gesamten Skilauf, erstaunlich wenig ist; Wer einmal ein alpines Rennen aus der Nähe gesehen hat – nicht auf dem verniedliebenden Fernsehschirm und auch nicht aus dem Zielraum, sondern von einem Punkt neben der Piste, wer die unwillkürlichen Schreie der Angst, das Stöhnen gehört und die blitzschnellen Reaktionen gesehen hat, der weiß, welche Vorbereitung, welche Körperbeherrschung und welche Wachheit dazugehört, solche Rennen durchzustehen.

Wenn Avery Brundage und seine Freunde aus dem IOC auch nur ein einziges Mal ein alpines Rennen aus der Nähe verfolgt hätten, sie würden niemals Trainingslager auf 3 bis 4 Wochen limitieren wollen. So sicher es ist, daß durch die Aufblähung von Training und Rennen auf fast das ganze Jahr eine ungute, die jungen Menschen zweifellos überfordernde Entwicklung eingetreten ist, so wenig ist es möglich, für den alpinen Rennsport die gleichen Maxime aufzustellen wie etwa für die Leichtathleten, die Turner und Schwimmer. Trainiert werden kann hier eben nicht vor der Haustür und nicht allein.