Überseeische Käufer treiben die Preise in Europa in die Höhe

Wir sind regelrecht ausgeräubert worden“, klagt Michael Böhmers, Mitinhaber des Bremer Importhauses Reidemeister und Ulrichs. „Seit sich herumgesprochen hat, daß die Preise für französische Weine in den Anbaugebieten raketenartig in die Höhe gehen, wollen sich die Kunden noch rasch billig eindecken.“

Während der größte Importeur französischer Weine im Januar sonst nur sieben Prozent des gesamten Jahresumsatzes erzielt, wurden diesmal im ersten Monat bereits 25 Prozent der Vorjahresverkäufe erreicht. Bei den Domaines Schenck in Baden-Baden, die Weine aus allen großen Anbaugebieten Europas importieren, wurde im Januar sogar soviel umgesetzt, wie 1972 in sechs Monaten. Die Freude darüber ist nicht ungeteilt. Böhmers: „Wir waren noch nie so schlecht sortiert wie jetzt.“

Der Preisboom macht nicht nur deutschen Importeuren und Konsumenten Sorge. Die Pariser Zeitung Les Ethos klagte, daß die „guten französischen Weine für die Franzosen selber nicht mehr erschwinglich“ seien. Anführer des Preisgalopps, der inzwischen nicht nur auf die anderen französischen Anbaugebiete, sondern auf fast alle Weinbauländer übergegriffen hat, ist der weltberühmte Bordeaux.

„Für einen Wein, den wir 1970 für 6000 Franc pro Tonneau (900 Liter) gekauft haben, mußten wir 1971 bereits 10 000 Franc zahlen. Heute wird er uns zu 25 000 angeboten“, berichtet Böhmers. Schendc-Geschäftsführer Rolf Raiss muß seinen Lieferanten in Bordeaux ebenfalls 100 bis 150 Prozent mehr zahlen. Für Reservierungen auf die Ernte des nächsten und übernächsten Jahres wird von einigen Gütern inzwischen Vorkasse verlangt. „Das hätten die früher nie gewagt.“

Doch die Nachfragesteigerungen der letzten Jahre haben Europas Winzer mutig und manchen sogar übermütig gemacht. Die Franzosen selber hatten sich zehn Jahre lang mit einem Verbrauch von 4,5 Millionen Litern Qualitätswein (Apellation Controlle) zufrieden gegeben, 1972 tranken sie aber 5,9 Millionen.

Während in der Bundesrepublik pro Kopf und Jahr 1967 erst 17 Liter Wein getrunken wurden, gönnten sich die Wohlstandsbürger 1971 bereits 21 Liter (Frankreich 108). Vor allem aber entdeckte ein Millionenheer von Verbrauchern in den USA, Kanada, Australien und Japan den europäischen Wein. Amerikanische Konzerne, wie etwa der Whisky-Riese Seagram’s, sind in das Geschäft eingestiegen und pumpen französischen Wein in großem Stil auf den US-Markt. Die Amerikaner kaufen allein in Bordeaux heute dreimal so große Mengen wie noch 1967.