Tarnung mit Tüll und Topfblumen

Die Geranien vor den Fenstern, die schon ein wenig vergilbten Gardinen, der kleine gepflegte Vorgarten und die halbgefüllten Mülltonnen hatten die in Frankfurt noch immer nach passenden "Objekten" suchenden Hausbesetzer länger als ein Jahr an der Nase herumgeführt. Und die Dresdner Bank machte auch gar keinen Hehl daraus, daß sie das Haus getarnt habe, um einer Hausbesetzung vorzubeugen. Doch als Ende vergangener Woche durch einen Zufall ruchbar wurde, daß hinter Gardinen und Geranien zehn Wohnungen leer standen, trat die Bank die Flucht nach vorn an und verfing sich prompt in den – in Frankfurt besonders dichten – Fangleinen einer neuen Interpretation von der Sozialbindung des Eigentums.

Der Tip kam von den Jungsozialisten: Die Dresdner Bank sollte in unmittelbarer Nähe des renommierten Interconti ein Haus leer stehen lassen, um es rasch abreißen zu können – falls die Stadt die Erlaubnis gab, an dem gleichen Ort ein Parkhaus zu bauen.

Bei ersten Nachforschungen einer Frankfurter Tageszeitung versuchte die Bank den Tarnschleier um das Haus noch dichter zu spinnen. Zunächst hieß es, der Bank gehöre gar kein Wohnhaus in dieser Gegend.

Ein Mitarbeiter der Grundstücksabteilung lüftete den Schleier dann immerhin so weit, daß man erkennen konnte, zwar nicht die Dresdner Bank, wohl aber eine ihr nahestehende Gesellschaft, präzise: die Merkur-Grundstücksgesellschaft, besitze ein leeres Haus in jener Gegend.

Wie nahe aber diese Gesellschaft der Bank stehe und welche Nummer besagtes Haus habe, das wollte jener brave Mann nicht verraten. Nur noch so viel: "Das Haus finden Sie doch nicht. Das haben wir gut getarnt. Die Stadt weiß Bescheid, und es ist alles legal..." Damit versiegte der Informationsfluß endgültig.

Die Merkur-Grundstücksgesellschaft steht im Frankfurter Telephonbuch. Ein Anruf riß große Löcher in das so fein gespannte Netz: Unter jener Nummer meldete sich nämlich genau der gleiche brave Mann, der vorher als Angestellter der Bank über die Verbindungen seines Arbeitgebers zur Merkur-Grundstücksgesellschaft keine Auskunft geben wollte. Daß jene Gesellschaft eine makellose Tochter der Bank ist, war jetzt nicht länger zu verheimlichen. Und die Hausnummer war auch rasch festgestellt. Die Stadt gab bereitwillig Auskunft.

Doch nun ging die Sache erst richtig los: Aufgeschreckt von den Recherchen der Zeitung blies die Bank zum Gegenangriff: Noch ehe die erste Veröffentlichung erschien, wurden eilends mehrere Abteilungen in das bis dahin leer stehende Haus verlegt. Die sechs Frauen und Männer der Übersetzungsabteilung wußten zum Beispiel am Donnerstagvormittag noch nicht, daß sie mittags umziehen mußten. Eilig wurden Schränke und Schreibtische herbeigeschafft, Handwerker begannen Lampen zu montieren, Telephone zu legen, Putzfrauen zogen durch die Wohnungen, es wurde gehämmert und geklopft. Und mitten drinnen saßen die Übersetzer als lebender Beweis, daß das Haus nicht leer stehe.

Tarnung mit Tüll und Topfblumen

In Frankfurt aber gibt es seit dem vergangenen Jahr ein sogenanntes Sozialbindungspapier, daß die Umwandlung auch und gerade von leerstehenden Wohnungen in Büroräume von Genehmigungen und kostspieligen Ablösesummen (bis zu 1500 Mark pro Quadratmeter umgewandelten Wohnraums) abhängig macht. Die Verantwortlichen der Dresdner Bank hatten aber nicht gefragt und schon gar nicht gezahlt. Das Amt für Wohnungswesen reagierte prompt: "Die Wohnungen werden sofort wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt."

Der Leiter der Behörde kündigte gleichzeitig ein Ermittlungsverfahren gegen die Bank an, die bei diesem eindeutigen Verstoß gegen das Sozialbindungspapier mit einer empfindlichen Strafe rechnen muß.

Die Bank selbst fühlt sich völlig unschuldig. Syndikus Paul-Ernst Penndorf meint dazu: "Wir rechnen doch fest damit, daß die Stadt uns in Kürze erlaubt, das Haus abzureißen, damit wir dort unser Parkhaus bauen können. Von einer Zweckentfremdung von Wohnraum kann deshalb nicht gesprochen werden. Der Umzug einiger Abteilungen ist nur vorübergehender Natur, bis wir andere Räume haben." Und daß der überraschende Umzug gerade dann geschah, als in der Öffentlichkeit ruchbar wurde, zehn Wohnungen in dem Haus Wilhelm-Leuschner-Straße 29–31 stünden leer, will der Syndikus "mehr oder weniger als Zufall" gewertet wissen.

In Frankfurt wartet man nun gespannt darauf, ob das Amt für Wohnungswesen seinen starken Worten auch bei einem Steuerzahler wie der Dresdner Bank Taten folgen läßt ...

Reinhard Voss