Die einen waren empört: Man mußte fürchten, sie würden gleich die Bühne stürmen und die Frevler an Ort und Stelle züchtigen. Die anderen waren fasziniert: Sie wollten nicht aufhören zu applaudieren. So wurde kräftig und lange gebrüllt – und die einen wie die anderen hatten hierzu gute Gründe. Nur jene, meine ich, waren im Unrecht, die den Zuschauerraum gleichgültig verließen.

Ein gänzlich entstaubter und entpoetisierter, ein vom Klassischen und Feierlichen befreiter, ein nüchtern und kritisch interpretierter, ein aktueller Shakespeare – das etwa ist es, was Hollmann anstrebt. Natürlich geht es ihm dabei nicht um die Literatur, sondern um das Theater. Das aber bedeutet hier: „Richard III.“ nicht als monumentale Historie, sondern als ein derbes Volksstück.

Diesem Ziel dient zunächst Hollmanns Übersetzung und Bearbeitung. Er strafft die Dialoge, er faßt vieles zusammen, er ändert die Reihenfolge mancher Auftritte und läßt einige ganz wegfallen, er korrigiert häufig und keineswegs zimperlich den Sinn der Shakespeareschen Verse, hier und da ergänzt er den Text mit allerlei eigenen Passagen. Vor allem jedoch: Hollmann verwendet ohne Pardon den Jargon und die heutige Umgangssprache oder, richtiger gesagt, das, was er für den Jargon und für die heutige Umgangssprache hält.

„Hau ab“, sagt Lady Anna, die Witwe des Prinzen von Wales, und: „Los, verschwinde, ich kann dich nicht mehr sehn.“ Richard redet von dem, „was da an Mord die Welt bedrückt“, und erklärt: „Wir kriegen das schon hin.“ Die Königin tröstet er: „Großmutter sein ist auch was Schönes.“ Besonders liebt Hollmann stramme, prädikatlose Sätze, die wie Sternheim-Nachahmungen klingen: „Ich jetzt nichts als wie zum König ...“ Und: „Dumme Person. Nicht so viel Rückgrat.“ Oder: „Ich nachsehn, ob nicht hinten welche abhaun.“ So läßt, laut Hollmann, Shakespeare den König von England sprechen.

Daß hier einer mit dem (immerhin genialen) Text umspringt, wie es ihm gerade paßt, daß er das Stück fortwährend vergröbert und arg simplifiziert, rücksichtslos entstellt und schließlich vergewaltigt, werfe ich ihm nicht vor. Das wird mit Shakespeare seit Jahrhunderten getan, zumal in Deutschland. Nur tut es Hollmann besonders ungeschickt und dümmlich. Jede Seite seiner Fassung beweist, was lediglich von der Tollkühnheit dieses Übersetzers und Bearbeiters noch übertroffen wird: seine literarische Unfähigkeit, seine Geschmacklosigkeit.

Trotzdem verstehe ich die Intendanten, die die Produkte dieses dilettierenden Übersetzers (wohl zähneknirschend) in Kauf nehmen, um seine Inszenierungen zeigen zu können. Denn daß Hollmann zu den stärksten Regietalenten unserer Tage gehört, macht gerade diese im Endergebnis mißlungene „Richard“-Interpretation erneut deutlich. Und sie zeigt zugleich, woran er (nicht zum erstenmal) scheitert: an der eigenen Borniertheit, an seiner vermutlich ideologischen Verbohrtheit. Damit muß es zu tun haben, daß er sich eigensinnig und krampfhaft an eine erschreckend primitive und, wie mir scheint, auch gänzlich falsche Konzeption hält,

Sicher stand Shakespeare unter dem Einfluß des mittelalterlichen Volkstheaters. Gewiß wird dieser Einfluß vor allem in seinem Frühwerk sichtbar, also auch in „Richard III.“. Daß man derartige Elemente einmal besonders akzentuiert, mag einleuchten. Nur sollte man sich wohl überlegen, warum uns dieses Drama immer noch aufzuregen vermag.