Marcel Reich-Ranicki: „Über Ruhestörer – Juden in der deutschen Literatur“. Eine von den Literarhistorikern immer noch unterschätzte und oft sogar ausgeklammerte Frage wird hier untersucht: die besondere Rolle, die in der Geschichte der deutschen Literatur die Schriftsteller jüdischer Herkunft gespielt haben und spielen. Stets waren sie, meint Reich-Ranicki, in einer ungewöhnlichen Situation, die auf ihr Talent einen starken Einfluß hatte und von der ihr Werk mitgeprägt wurde. Denn infolge ihrer Herkunft mußten sie in eine Außenseiterposition geraten. Und ob sie es beabsichtigten oder zu vermeiden suchten – meist waren sie Ruhestörer und Provokateure; sie wirkten als ständiges Ferment. In der „Vorbemerkung“ des Autors heißt es: „Nicht zur Feier der Juden habe ich die hier zusammengefaßten Arbeiten geschrieben. Weder rühmen noch verteidigen soll dieses Buch. Es will aber auch nicht beschuldigen oder anklagen. Vielmehr möchte es klären und aufhellen. Auf die Rolle und auf die Funktion der Schriftsteller jüdischer Herkunft in der Geschichte der deutschen Literatur haben in der Vergangenheit am häufigsten die Feinde der Juden hingewiesen. Von den Antisemiten zu militanten Zwecken akzentuiert, konnte die Besonderheit dieser Schriftsteller nur in ein bösartig irreführendes und völlig falsches Licht geraten. Doch ändert dies nichts an der Tatsache, daß es eine solche Besonderheit gibt und geben mußte... Wer sie bagatellisiert oder gar ignoriert, agiert immer noch, wenn auch in umgekehrter Richtung und möglicherweise in edelster Absicht, im Schatten jener, die für die Judenfrage eine Endlösung parat hatten.“ Autoren wie Heine und Börne, wie Kafka, Döblin, Schnitzler und Roth, Tucholsky, Benjamin und Karl Kraus und auch um zeitgenössische Schriftsteller wie Celan und Peter Weiß, Torberg und Hildesheimer – ein „immerhin nicht unwichtiger und auf jeden Fall sehr charakteristischer Aspekt der deutschen Literaturgeschichte“. (R. Piper & Co. Verlag, München; 103 S., 8,– DM)