Von Wolfram Siebeck

Côte d’Azur, Ende Februar

Am Anfang war die Saison. Mit ihrem Beginn erwachte in den Bürgern Wanderlust, und als Urlauber verließen sie Haus und Hof und zogen aufs Land, in die Berge und ans Meer. Die Saison dauerte genau zwei Monate, nämlich Juli und August, weil in diese Zeit der Sommer fiel. Wenn die Saison vorüber war, entwickelte der Urlauber seine Ferienphotos und einen Hang zur Seßhaftigkeit. Der März, mochte er noch so warm sein, ließ ihn kalt. Unter Sommerfrische verstand er in erster Linie Sommer; die Frische eines blassen Frühjahrs war nicht nach seinem Geschmack.

Das änderte sich in dem Moment, da die Bevölkerungsdichte pro Quadratmeter Sandstrand die entsprechende Quote der Elendsviertel in Kalkutta erreicht hatte. Vor- und Nachsaison erblickten das Licht der weiten Welt. "Ist der Mai kühl und naß, füllt’s dem Bauern Scheun’ und Faß", sagt man. Wenn es im Februar kühl und naß ist, füllt es höchstens die Sprechzimmer der Ärzte. Ein Sprichwort scheint diese Tatsache unserem Herrn Büchmann jedenfalls nicht wert gewesen zu sein. Mir genügte sie jedoch, bei St.-Tropez eine Ferienvilla zu mieten und die Vorsaison zu eröffnen. Verständlicherweise bedurfte es gewisser Maßnahmen, um das heizungslose Haus bewohnbar zu machen. Ich legte die feuchten Matratzen in die Frühjahrssonne, spürte den Ameisenvölkern in Küche und Bad nach, räucherte aufgeschreckte Vielfüßler aus und vertrieb den Wintermuff durch tagelangen Durchzug. Jetzt warte ich auf den Erfolg meiner Bemühungen. Ich wohne im Hotel.

Noch haben die wenigen Touristen Schonzeit. Zwar stehen die Ladenbesitzer schon zur Treibjagd bereit, aber sie trauen ihren Augen nicht, wenn wirklich mal ein deutscher Zahnarzt seine Appartementwohnung verläßt, und lassen vor Staunen die angelegten Preisschilder sinken. Doch mit dem Ansteigen der Lufttemperaturen steigen auch die Gewinnerwartungen der Einheimischen. Rechnungsblöcke werden von Lastwagenkonvois an die Küste gebracht; Registrierkassen immer wieder abgeschmiert und durchgeladen. Die Apotheken füllen sich mit Sonnenbrandcremes, Kopf-, Zahn-, Hals- und Bauchschmerztabletten, Insektenpulvern und Heftpflastern. Mit den Strandhosen und -hemden, die sich in den Boutiquen stapeln, könnte man die gesamten NATO-Streitkräfte ausstaffieren.

Das Meer ist blau, der Himmel ist blau, und auch Strauß hat hier ein Haus. Häufig weht der Mistral. Er ist ein lustiger Wind, immer zu Scherzen aufgelegt. Auf den Terrassen ihrer Winterquartiere bläst er deutschen Gynäkologen den Salat aus den Schüsseln, reißt ihnen die Serviette vom Schoß und patscht kühlend in die heimische Dosensuppe.

Im Hafen von St.-Tropez, der später für Autos ganz gesperrt werden wird, damit sich der barfüßige Touristenstrom auf den berühmten sechs Metern zwischen Kai und Straßencafes überhaupt bewegen kann, werden junge Ferraris eingeritten, und langschnauzige Jaguars lassen probeweise die Ventile flattern. Doch noch ist die Corniche zwischen Marseille und Menton nicht überfüllt. Höchstens an den, Wochenenden, wenn aus den nahegelegenen Städten die Franzosen kommen, gibt es einige Verwirrung. In ihren praktischen Kleinwagen, mit Strohhüten, Picknickmöbeln und zahlreichem Nachwuchs beladen, schaukeln sie zum Gram unserer ungeduldigen Chirurgen über die Straßenmitte und besichtigen ihr Mittelmeer. Sie trainieren für die Osterferien, lüften das Ferienhaus und blicken zufrieden auf ihre Parzelle, deren Quadratmeterpreis schon wieder gestiegen ist.