Der Intendant kam, an der Hand den starr lächelnden Dichter mit der dunklen Brille, auf die Spielfläche gesprungen und verbeugte sich schwungvoll. Die etwa hundert Zuschauer (mehr hatten auf den Stahlrohr-Emporen rundum und hoch über der Spielfläche nicht Platz) klatschten, einige Bravorufe nahmen die 24 Schauspieler auf und applaudierten dem Dichter, der zurückklatschte. In wenigen Minuten war die Uraufführung von Heiner Müllers „Horatier“ in der Werkstatt des Berliner Schiller-Theaters abgefeiert, nach einer guten Stunde Spieldauer.

Ein vor dem Theater verteiltes Flugblatt, an Stelle der Verfasser (sie „müssen aus Furcht vor Sanktionen eines feudalistisch sich gebärdenden Hauses ungenannt bleiben“) gezeichnet vom AStA der Berliner Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, behauptet, der Regisseur, Staatsintendant Hans Lietzau, habe zwar seit dem 1. Dezember probiert, aber sich geweigert, dem Ensemble (aus dem prominente Schauspieler ausgeschieden seien) sein Inszenierungs-Konzept bekanntzugeben.

Hatte er ein anderes für diese Darbietung als den streng geordneten Auftrieb von zwei Dutzend teuren Staatstheaterspielern, die den chorischen Text weitgehend in Solosätze, manchmal -Wörter aufteilen? Sie traten schlipslos, in einem adretten, vorgetäuschten Arbeitsdreß an, so als ob sie einer Off-Off-Broadway-Truppe angehörten, nur einer sauber gewaschenen und wohlfrisierten. Der Text Müllers (den harte Zeilenzäsuren rhythmisieren und gedanklich gelenkig machen) – er sollte nicht archaisiert, aber doch theatralisiert werden. Es herrschte jener verbissen-strenge Tonfall, der herbe Gedanklichkeit präsentieren soll, der sie aber im Resultat verdeckt, weil er ganz unfrei ist, auch keine Entspannung, gelockerte Nüchternheit zwischen die Daueranspannung einschiebt. Die choreographischen Plazierungen wechselten unaufhörlich: locker, locker sollten die Positionen bezogen und verlassen werden, aber das klappte so perfekt, daß auch hier nur noch Dressur sich bemerkbar machte. In den Dauer-Stellungswechsel eingeebnet wurden dadurch die gedanklichen Drehpunkte der Fabel, das, was den Text zum dramatischen macht.

Worum wäre es eigentlich gegangen? Der Text Heiner Müllers ist schon in den sechziger Jahren entstanden. Er erzählt die in der Vorzeit angesiedelte Geschichte, wie die Römer mit den Albanern um den Vorrang bei der gemeinsamen Verteidigung gegen die Etrusker streiten und den Streit durch einen Zweikampf entscheiden lassen – zwischen durchs Los Bestimmten, einem aus dem albanischen Familienverband der Curatier; einem aus dem römischen Familienverband der Horatier. Der Horatier siegt, tötet den Curatier, obwohl der um Schonung bittet, weil er mit der Schwester des Horatiers verlobt ist. Der Horatier: „Meine Braut heißt Rom.“ Und als die Schwester des Horatiers um den Bräutigam klagt, tötet der Horatier weiter, tötet auch seine Schwester: „Geh zu ihm, den du mehr liebst als Rom.“ Die Römer erstarren im Siegesjubel, streiten gegeneinander: was zählt mehr, der Sieg gegen den Widersacher oder der Mord an der Schwester? Ein Streit zwischen fanatisiertem Patriotismus und bedingter Humanität (Patriotismus und Kollektivität gehören zu den unbezweifelten, undiskutierten Voraussetzungen des Stückes – ebenso, daß Humanität ihre Grenze findet an den Notwendigkeiten der gewaltsamen Behauptung des Kollektivs in einer feindlichen Umwelt). Eine unreine, verwickelte Lage. So wird sie gelöst: der Horatier wird erst als Sieger gekrönt, dann als Mörder gerichtet.

Das Aufregende des Textes steckt in der Schluß Wendung: die Frage kommt auf, wie der Sieger-Mörder der Nachwelt dargestellt werden soll: „Das Volk antwortet mit einer Stimme / ... wer sein (des Horatiers) Verdienst nennt und nennt seine Schuld nicht / Der soll mit den Hunden wohnen.“ Moralisch unerlaubt ist es, dekretiert Müller, „aus einem Mund zu verschiedener Zeit anders“ zu reden. „Nämlich die Worte müssen rein bleiben. Denn / ein Schwert kann zerbrochen werden und ein Mann / Kann auch zerbrochen werden, aber die Worte / Fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar / Kenntlich machend die Dinge der Welt oder unkenntlich.“

Der Anspruch, den Heiner Müller da aufrichtet, ist außerordentlich. Die Wahrheit ist unrein, widerspruchsvoll, wandelbar. Die Reinheits-Forderung an den Schriftsteller, an jeden, der Worte macht, besteht darin, diese Brüchigkeit, Widersprüchlichkeit, Unreinheit der Wahrheit nie zu verhehlen.

Müller wohnt und arbeitet in der DDR. Seine Lage dort war immer schwierig, weil er die radikalen (im Wortsinn: an die Wurzeln vordringenden Fragestellungen seiner Stücke nur so weit zu verhüllen bereit war, daß er sie in alte Fabeln oder spröde Poesie zurücknahm. Ob diese Zurücknahme die Anwendbarkeit von Müllers Forderungen in unserer (östlichen wie westlichen) Gegenwart einschränkt oder gar aufhebt – das vermag ich im Falle der „Horatier“ wegen der anfangs geschilderten straffen Kunstgewerblichkeit der Aufführung nicht zu beurteilen.

Henning Rischbieter