ARD (BR), Sonntag, 4. März: „Träume in Eisen und Glas“, von Jochen Richter und Ruth Henry

Der Cancan aus Offenbachs „Pariser Leben“ rahmte den Film ein. Statt schwingender Beine und Rüschenröcke sah man dazu den Abbruch der Hallen, die brutale Ausweidung des „Bauches von Paris“, wie Zola sie nannte, Schutt, Feuer, zerbogene Eisenrippen, einstürzende Bögen, am Ende eine Raupe, die sich wie ein gigantisches Reptil aus einem Science-fiction-Film in die Ruinen fraßt: eine zwingende, optisch-akustische Formel für den nie artikulierten, hier aber unzweideutigen Appell dieses Filmessays, der sich das „Inventar einer Pariser Epoche 1840–1930“ vorgenommen hatte.

Brunnen, Brücken, Straßenschilder, Statuen, Höfe, Treppen, Passagen, Fassaden, Dächer, Geländer, Laternen, Schienen, Eingänge, Ornamente und Mosaiken, der Grand Palais, die Nationalbibliothek und Parc Monceau, die Bahnhöfe de Lyon, d’Orsay und d’Austerlitz, die Grand Opera und Pont Alexandre: Das Team ist wirklich fleißig gewesen, 3000 Kilometer soll es in Paris zurückgelegt haben.

Aber es hat sich gelohnt, selten hat man im Fernsehen eine Phase der Architekturgeschichte so einfühlsam und sinnfällig porträtiert gesehen. Fin de siècle und Jugendstil, die Belle Époque und der Style Metro, das elegante, etwas parfümierte Operettenklima dieser Zeit, ihre verspielt-nervöse Gestik, ihre phantastischen, verschnörkelten Paradiesgärten aus Eisen, Beton und Glas, all das, so elegisch und so poetisch wachgerufen, traf wie bestellt die neueste Stimmung hierzulande, die sich ja in Mode und Kunst, Design, Musik und Film wehmütig an die Relikte eben dieser Epoche hängt.

Alles an diesem Film schien geradezu beängstigend richtig, synchron, aus einem Guß: die schmelzende und schmachtende, nur ganz selten ironisch verzerrte Musik von Debussy, Saint-Saens, Ravel, Satie, Offenbach, die poetischen Texte von Apollinaire, Aragon, Rilke, Scheerbarth, Benjamin, die Bildführung von Jochen Richter (Kamera und Regie) und Luti Rüth (Schnitt). Lange Fahrten und Überblendungen, die Kamera einmal liebevoll detailbesessen, ganz beharrlich ihre Funde abtastend, dann wie von der Valse Frou-Frou angesteckt, taumelnd und kreisend im Blick auf Gänge, Decken, Gewölbe, Statuen, Lampen, bis die Bilder melancholisch zu tanzen schienen.

Ein bißchen zu sensibel und verträumt war der Bericht, hing zu selbstverliebt seinen „Wunschbildern“ nach, blieb zu sparsam mit präzisen Auskünften und Informationen. Man hätte, statt des oft zu blumigen, stimmungsvollen Kommentars, gern etwas mehr über den politischen und sozialen Hintergrund erfahren. Es mag charakteristisch für das Unternehmen sein, daß Walter Benjamins berühmtes Fragment „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ unerwähnt blieb.

Aber nichts gegen die erwähnten Qualitäten des Films. Ab und zu, zwischen Politik und Unterhaltung, Lebenshilfe, Sport und Aktualität, sollten solche Programme möglich sein.

Wolf Donner