Von Gösta von Uexküll

Um Mißverständnissen vorzubeugen: mit dem „Weißen Goliath“ ist hier nicht ein bestimmtes Produkt eines bestimmten Waschmittelherstellers gemeint, sondern der psychologisch-kommerzielle Komplex der multinationalen Waschmittelindustrie. Seine psychologische Macht verdankt er dem Zauber des Wortes „weiß“. Wir denken dabei an Engel, an Brautschleier, an „weiße Westen“ und vielleicht sogar an die Vergebung unserer Sünden. Zudem ist weiß auch – vornehm und edel.

Die kommerzielle Macht schöpft der „Weiße Goliath“ aus dem Rückhalt und der Interessengemeinschaft von vier weltmarktbeherrschenden Konzernen: Unilever, Procter & Gamble, Sunlicht und Henkel. Angesichts dieser Machtkonzentration ist es kein Wunder, daß die Waschmittel konsumierende Öffentlichkeit in der Bundesrepublik und in anderen Ländern erst spät, und vielleicht sogar zu spät, die Schattenseiten jenes oder jener weißen Riesen kennenlernte. Inzwischen aber wissen wir, daß weiß und sauber durchaus nicht immer identisch und zuweilen sogar Gegensätze sind.

Denn: die unsere Wäsche so wunderbar weiß waschenden modernen Superwaschmittel enthalten Phosphate, die (auf dem Umweg über Wasser-Überdüngung, übermäßiges Wachstum und Absterben der Algen) unsere Gewässer – vor allem Seen und Staubecken und langsam fließende Flüsse – immer schmutziger machen.

Aber was kann man dagegen tun? Wo ist ein David, der es mit dem „Weißen Goliath“ aufnehmen könnte? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, hatte das Bundesinnenministerium Sachverständige aus Wasserwirtschaft, Gewässerkunde, Seenforschung, Wasserhygiene und natürlich auch die sachverständigen Herren der vier großen Waschmittelkonzerne nach Bonn eingeladen, um zwei Tage lang, am 26. und 27. Februar, im Rahmen einer sogenannten „Anhörung“ zum Thema Waschmittel und Gewässerschutz ihre Meinung zu sagen. Die Vorschläge reichten von der Einführung einer Phosphat-Steuer und der Zentralisierung der 13 000 Wasserwerke der Bundesrepublik bis zum Aussetzen von chinesischen Graskarpfen, um Algen und andere lästige Wasserpflanzen zu reduzieren.

Gegen jeden Vorschlag erhoben sich im Laufe der Debatte Bedenken, und zwar desto mehr und desto heftigere, je kühner der Vorschlag war.

Aber was war denn überhaupt praktisch möglich, um dem weißen Phosphat-Riesen beizukommen. Sollte man Phosphate in Waschmitteln ganz verbieten, wie es die kanadische Regierung soeben getan hat, sollte man die Kläranlagen, die in Ergänzung bestehender Anlagen zur Ausfällung der Phosphate notwendig wären, mit dem Erlös einer Phosphat-Steuer finanzieren? Sollte man den denkbaren Ersatzstoffen für das Waschmittel-Phosphat, zum Beispiel dem von einer schwedischen Firma mit Erfolg verwendeten Waschmittel-Citrat, mehr Aufmerksamkeit schenken? Oder sollte man, was Minister Genscher Mitte Dezember im Bundestag in Aussicht stellte, in die Tat umsetzen, und „eine Deklarationspflicht für Inhaltsstoffe des Wasch- und Reinigungsmittel“ einführen?